Datum: 24.06.2018
Titel: Das Erbe von Sisyphos
Text:
Die Starke sagt:
Komm, geh weiter
immer stramm, immer gewappnet
stehenbleiben ist tabu
der Mensch kennt das Ziel!

Eines Menschen Frage
ganz schüchtern:
Und wenn
die Steine auf dem Weg Berge sind

die Löcher im Weg Krater sind

die Pfützen Meere sind

das Unkraut Dickichte

ein Horizont verstellt ist?

Die Starke sagt:
Dann steig auf den Berg!
Dann geh um die Krater und Pfützen!
Schlag dich durch!

Eines Menschen Frage
ganz schüchtern:
Und wenn der Weg ein Kreis ist?

Die Starke sagt:
Jammere nicht, dann geh halt im Kreis!











   

 
 
Datum: 13.05.2018
Titel: Muttertag
Text: Mutterschmerz

In ihre Arme sinkt der Leib.
Verstummter Wehgesang
schliesst die klaffenden Male.
Alles wird heil durch Verheissung.
Alles geht unter und geht auf.
Aufgehende Blume
ein Strahlenkranz heiligen Lichts
so ein Glaube, ein Trost.

Arme sind gebunden.
Der Mächtigeren Stricke
halten am Holz ,was noch lebt.
Kind und Mutter.
Boden beträte
der entscheidende Fuss
die Zuflucht wählte sehend
das blinde Auge sucht und sucht.

In Mutterarmen
schwer das Kind.
So lieb, so warm, ihr Bündel.
Lächle Madonnengesicht
einer sticht immer zu
im Schweisse seines Angesichts.




   

 
 
Datum: 18.03.2018
Titel: Gedicht
Text: Ist denn ein Erwarten?

Nicht das Lächeln eines Scheinenden
das ferne, gemeinte.
Nicht eine Ewigkeit
ist uns gegeben
vorgesehen
auf einem wandelnden Gestirn.

Ist denn ein Bestehen
das unserer Zweisamkeit
ein alter Ort war?
Uns eine Form geschaffen
sternseidenes Himmelbett?
Wo ein Paar gedacht war
nicht wissend um die Erde
auf der sich der Mensch krümmt.

Erkanntes Sehnen.

Blättchen im Aufwind
wirbelnd in launigen Böen
wie das letzte Herbstblatt, das sich hält und hält.
Ein schwebendes Orakel
gezupfter Blumen
sind wir
jeder Zeit fällt alles nieder
in der Erde verrottend.















.


   

 
 
Datum: 13.02.2018
Titel: aus Franz Werfels "Stern der Ungeborenen"
Text: Der Grossbischof im Gespräch mit F.W.

„Bleiben wir auf der Erde, mein Sohn!... Sie haben hier in diesem Raum (astromentale Gesellschaft)von der Welt ohne Ökonomie geschwärmt.Halten Sie Ihr Urteil aufrecht?

F.W: „Die Welt ohne Ökonomie ist ein Paradies. Was aber hilft es, da der Mensch nicht paradiesisch ist? Er giesst sich selbst als Inhalt in jede Form. So sind am Ende alle Formen unwesentlich, weil sie das unabänderliche Mass menschlichen Ungenügens umschliessen. Ich weiss nicht, ob der Höhlenmensch glücklicher gewesen ist als der Bewohner eines New-Yorker Wolkenkratzers um 1930, und ob letzterer glücklicher war als mein Gastfreund Io Fagor in seinem unterirdischen Hause voll Lichtphantasien, dynamischen Tapeten, stellar hergestellten Familienrezepten und vielen anderen Wunders. Ich weiss nur, dass ein Hochhaus oder ein Cottage um 1930 unendlich viel wohnlicher und praktischer was als die Kalkhöhle eines Primitiven und dass die schlechteste Heimstätte der Panopolis ihrerseits unvergleichlich zivilisierter ist als eine Magnatenvilla meiner Lebenszeit, ganz zu schweigen von den morgenwolkenumkreisten Bürodolomiten und Kommerzwaben von Manhattan. Der Mensch bringt Grosses zustande, bloss ein obskuranter Dummkopf kann das leugnen. Nur eines hat er noch nicht zustande gebracht, sich selbst!“
   

 
 
Datum: 24.01.2018
Titel: Franz Werfel "Stern der Ungeborenen"
Text: Aus dem Buch „Stern der Ungeborenen „ von Franz Werfel

F.W. 100'000 Jahre nach seinem Tode im Gespräch mit dem Juden König Saul :

„Wissen Sie, Doktus, (F.W.) wann unser Unglück begann?“ fragte er mit beinahe irren Augen.“Als die Menschen dummerweise anfingen, ihre Schriften von links nach rechts zu richten anstatt wie wir von rechts nach links. Da verkehrte sich für uns das Leben. Hören Sie gut zu: Die Griechen nannten das Leben Bios. Wir aber mussten verkehrt lesen Soib oder Sob, was bekanntlich „Schluchzen“ heisst. Als wir später fast zweitausend Jahre unter den Germanen siedelten, lasen wir Leben umgekehrt als „Nebel“, also Qualm und Dunst, und es stimmte genau. Dann entführte uns Gott durch das Mittel einer gewaltigen Verfolgung in die weltbeherrschenden Reiche der englischen Sprache. Sie können sich selbst umdrehen was wir lasen, wenn wir auf das Zeitwort to live stiessen...“
„Es ist mir bekannt, dass evil das Übel, das Böse bedeutet“, sagte ich gehorsam, liess ihn aber nicht mehr zu Worte kommen aus Furcht, ich würde noch fünfzehnhundert andere Vokabeln für Leben umdrehen müssen.“
   

 
 
Datum: 18.10.2017
Titel: d.h. Lawrence
Text: „Das Meer und Sardinien“
Auszug:
An diesem Sonntagmorgen, als ich den Frost in den verzweigten, immer noch wilden Büschen Sardiniens erlebte, war meine Seele wieder zutiefst berührt. Hier war nicht alles bekannt. Hier war noch nicht alles durchformt. Das Leben war nicht nur ein Prozess rückwärts gewandter Selbstentdeckung. Das ist es auch; gewiss und auf eindringliche Weise. Italien hat mir etwas von meinem Selbst zurückgegeben, ich weiss nicht was, aber es ist ein grosser Teil. Es gab mir unendlich viel, was schon verloren war. Es stattete mich aus, wie Osiris. Aber an diesem Morgen im Omnibus spüre ich, dass es ausser der grossen, rückwärtigen Selbstentdeckung, die man machen muss, bevor man zu einem ganzen Wesen werden kann, eine Richtung nach vorn gibt. Es gibt noch unbekanntes ungeformtes Land, in dem das Salz seine Kraft noch nicht verlor. Aber man muss sich selbst erst an der grossen Vergangenheit vervollkommnet haben.


   

 
 
Datum: 02.09.2017
Titel: Ein Gedicht
Text: Vater

Gebeugt
im Schatten der Rebe
wartend
komme ich federleicht
über altes moderndes Moos.
Etwas in den Händen
doch
will ich nicht rufen.

Er schreckt, er zittert.

Nur ich bin's Vater
Wer sollte es denn sein?

Chopins nächtliche Weisen
heben wir ab
sind schwebend
und federleicht klingend

wie doch alles wächst
wie sich alles anfüllt
quillt
über die Schärfe der Kanten
einer Tür

„Was ist es Vater?“

Was soll es denn sein?














   

 
 
Datum: 02.09.2017
Titel: Franz Werfel "Das Lied von Bernadette, Auszug
Text:
Hyacinthe de Lafite, der Krebs hat, nähert sich der Grotte in Lourdes.

„In gemessener Entfernung von den letzten Bänken bleibt Hyacinthe de Lafite stehn. Es ist die pure Schüchternheit, die ihn abhält, näher zu treten. Er fühlt sich beschämt wie ein Fremder, der durch Zufall in eine intime Gesellschaft gerät, zu der er nicht eingeladen worden ist. Viele Jahrzehnte sind vergangen, seitdem er ein Heiligtum aus andern Gründen betreten hat, als um ein Kunstwerk zu bewundern. Ich bin nicht wie diese da, denkt Lafite, und ich besitze nicht ihren einfältigen Glauben. Mein Hirn haben alle zersetzenden Gedanken durchdrungen die je gedacht wurden. Meine Vernunft stolpert an der Tête der Menschheit über nächtiges Terrain. Ich weiss, dass wir eine armselige Tierrasse sind, die sich von Insekten und Amphibien nur durch ein paar Nervenäste und Trugschlüsse mehr unterscheidet. Die Wahrheit ist uns billionenmal unzügänglicher als einer Laus die Integralrechnung. Unsere gegenwärtige Denkform, die voraussetzungslos kritische, fühlt sich so erhaben über frühere religiöse Denkformen. Sie vergisst in ihrer Beschränktheit, dass auch sie nur eine Form ist. Ich aber ahne jetzt, dass die vergangenen Denkformen dereinst die künftigen Denkformen sein und lächelnd herabblicken mögen auf unsre ganze Kritik. Oft hab ich mir gewünscht, man sollte sich mit kleinen Resultaten begnügen, aber mein gieriges Herz ist nicht geschaffen, sich mit kleinen Resultaten zu begnügen. Wohl weiss ich, dass alle Götter Spiegelungen unserer eigenen Körpernatur sind und dass, wenn die Pelikane an einen Gott glaubten, dieser ein Pelikan sein müsste. Und doch, das ist kein Beweis gegen die Gottheit, sondern nur ein Beweis für die Enge des irdischen Geistes, der ausserhalb von Bildern und Worten nicht bestehen kann. Nie hätte ich den Gedanken ertragen, für ewig ausgeschlossen zu sein von der Erkenntnis Gottes, dem ich mich trotz allem verwandt fühle. Ich gehöre nicht zu euch dort, die ihr an einen Himmel im Himmel glaubt. Ich gehöre aber auch nicht zu jenen Dummköpfen, die an einen Himmel auf Erden glauben, der durch bessere Gesetze und Maschinen arrangiert werden kann. Da gehöre ich schon viel, viel mehr zu euch dort, die ihr an einen Himmel im Himmel glaubet...
Lafite geht einige Schritte näher an die Grotte Massabielle heran.“
   

 
 
Datum: 19.07.2017
Titel: Franz Kafka Auszug aus der Erzählung "Ein Hungerkünstler"
Text: „Du hungerst noch immer?“ fragte der Aufseher, „wann wirst du denn endlich aufhören?““Verzeiht mir alle,“ flüsterte der Hungerkünstler; der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn.“Gewiss,“ sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten. „wir verzeihen dir.““Immerfort wollte ich, dass ihr mein Hungern bewundert.“ sagte der Hungerkünstler. „ Wir bewundern es auch,“sagte der Aufseher entgegenkommend. „Ihr sollt es aber nicht bewundern,“sagte der Hungerkünstler. „Nun, dann bewundern wir es also nicht,“ sagte der Aufseher, „warum sollen wir es denn nicht bewundern?“ „Weil ich hungern muss, ich kann nichts anders, „sagte der Hungerkünstler.“ „Da sieh mal einer,“ sagte der Aufseher, „warum kannst Du denn nicht anders?““Weil ich, „sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuss gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle. „ Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, dass er weiterhungre.
„Nun macht mal Ordnung!“ sagte der Aufseher, und man begrub den Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther.
   

 
 
Datum: 08.07.2017
Titel: Hermann Hesse in Klingsors letzter Sommer
Text: „Luigi , ich denke oft wie du: unsere ganze Kunst ist bloss ein Ersatz, ein mühsamer und zehnmal zu teuer bezahlter Ersatz für versäumtes Leben, versäumte Tierheit, versäumte Liebe. Aber es ist doch nicht so. Es ist anders. Man überschätzt das Sinnliche, wenn man das Geistige nur als einen Notersatz für fehlendes Sinnliches ansieht. Das Sinnliche ist um kein Haar mehr wert als der Geist, so wenig wie umgekehrt. Es ist alles eins, es ist ist alles gleich gut. Ob du ein Weib umarmst oder ein Gedicht machst, ist dasselbe. Wenn nur die Hauptsache da ist, die Liebe, das Brennen, das Ergriffensein, dann ist es einerlei, ob du Mönch auf dem Berg Athos bist oder Lebemann in Paris.“
   

 
 
Datum: 05.06.2017
Titel: Martin Walser schreibt in "Heines Grösse"
Text:
Martin Walser in „Heines Grösse“


Jetzt bleibt noch zu vermuten, was Heine so teilnahmefähig gemacht hat. Sicher nicht Mitleid. Eher Mitleiden. Und das ist ein anderes Wort für Liebe. Wir sind wieder bei jener unverächtlichen Wirkung der Literatur:dass wir uns durch sie als Liebende erleben können. Goethe hat es schlicht und denkmalsreif statuiert: „Wer mich nicht liebt, der darf mich auch nicht beurteilen.“ Den Satz sagt Heine in allen seinen Sätzen. Es ist aber ein Satz- und das drückt Heine in allen seinen Sätzen aus- , auf den jeder Mensch ein Recht hat. Es ist ein Menschenrecht.
   

 
 
Datum: 19.04.2017
Titel: Ausschnitt Interview mit dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Elz
Text: Aus der Zeitschrift „Sonntag“ Interview mit dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Elz
über die Auferstehung Christi.


... Damit bin ich wieder bei dem, was ich eingangs gesagt habe: Alles Sprechen ist tastend. Meine Glaubensgewissheit kommt nicht aus der Sicherheit der Begriffe. Sie kommt aus der Hoffnung auf Herrlichkeit, aus dem künftigen Zugang zu dem, was so ungeschickt und unzulänglich in Sprache gekleidet wird, zu diesem Ereignis- das Ereignis ist ja die Person, die liebt. Sie sehen: Tasten. Ich taste. Nicht die Sprache tröstet mich, die finde ich immer schwach.

Sie sehen also die Zweifler auf Augenhöhe?

Der viel gescholtene Kardinal Ratzinger hat in einem wunderschönen Text den Zweifel als Bruder des Glaubens geehrt, ja jedem Glauben einen Zweifel und jedem Zweifel einen Glauben zugeordnet. Die trennscharfe Auseinanderrückung entspricht der menschlichen Wirklichkeit nicht. Wenn ich einem Zweifelnden begegne, dann geht mir das Herz auf. Wie bei diesen Zeilen aus Kleists „Prinz von Homburg“:

Zwar eine Sonne, sagt man, scheint dort auch.
Und über buntre Felder noch, als hier:
Ich glaubs; nur schade, dass das Auge modert,
dass diese Herrlichkeit erblicken soll.

Das ist es, was ich mit der Evidenz des Todes meine. An den Schrecken des Todes führt keine Frömmigkeit vorbei.
   

 
 
Datum: 25.11.2016
Titel: Siegfried Lenz in Heimatmuseum
Text:
Zu Martin Witt;
Ja, Martin, darin hast du wohl recht: der Wert unserer Erfahrungen lässt sich nicht beliebig weitergeben. Wir müssen damit einverstanden sein, wir leidenschaftlichen Schattenbeschwörer, dass andere in Zweifel ziehen, was uns soviel bedeutet;vielleicht ist alles zur Vergänglichkeit verurteilt, und unsere Versuche, einiges, das uns beispielhaft erscheint, ins Unvergängliche zu bringen, sind nur ein Ausdruck für die hoffnungslose Auflehnung gegen insgeheim erkannte Vergeblichkeit. Ich bin mir nicht sicher ... Aber lassen wir das.
   

 
 
Datum: 23.11.2016
Titel: Siegfried Lenz in seinem Buch "Heimatmuseum"
Text:
Zygmunt Rogalla erzählt im Spitalbett seinem Besucher Martin Witt seine Geschichte.
„- ich hoffe, es bleibt bei übermorgen? -jedenfalls, wenn du wiederkommst, werde ich dir bestätigen, dass alle Vergangenheit umso schärfer erscheint, je weiter wir uns von ihr entfernen...
Die Asche? Kipp sie nur in den Ausguss und spül sie weg...
Umso schärfer, sagte ich; das erfuhr ich schon auf dem Schiff, auf der winterlichen Ostsee, und zurückblickend zu dem eingetrübten Horizont spürte ich: es gibt keine Rückkehr, es gibt überhaupt für keinen eine Rückkehr, es gibt selbst wenn wir, durch Wunder und ein genaues Gedächtnis geleitet, die zerrissenen Fäden wieder aufnehmen und sie nur kurz zusammenknoten: Einmal jetrännt – für immer jetrännt, sagte Sonja Turk; nuscht is mit neuem Beginnen.

   

 
 
Datum: 13.10.2016
Titel: Peter Handke
Text: Peter Handke in „Versuch über die Müdigkeit“



Begegnung mit Hunden in Katalanien.

„Ich war so müde, dass die übliche Hundeangst ausblieb, und ausserdem, so stellte ich mir vor, hätte ich durch das viele Gehen in der Gegend schon deren Geruch angenommen und wäre den Hunden vertraut. Diese begannen auch wirklich zu spielen: indem „der Vater“ um mich herumlief und „der Sohn“, ihm nach mir durch die Beine. Ja, dachte ich, das ist ein Bild für die richtige menschliche Müdigkeit: sie öffnet, sie macht durchlässig, sie schafft einen Durchlass für das Epos aller Wesen, auch dieser Tiere jetzt.“

„Es stimmt - vielleicht bin ich immer noch nicht richtig müde -: In der Stunde der letzten Müdigkeit gibt es keine philosophischen Fragen mehr. Diese Zeit ist zugleich der Raum, dieser Zeitraum ist zugleich die Geschichte. Was ist, wird zugleich. Das andere wird zugleich ich.“

„ Und jetzt bin ich, wenn nicht müde, so doch frech genug, um meine Phantasie der letzten Stufe der Müdigkeiten zu erzählen. Auf dieser Stufe sass der müde Gott, müde und machtlos, in seiner Müdigkeit aber – um einen Ruck müder noch als je ein Menschenmüder – allgegenwärtig, mit einem Blick, der, würde er von den Gesehenen, wo auch immer im Weltgeschehen, sich bewusst gemacht und zugelassen, doch eine Art Macht hätte.

„Die Müdigkeit als das Mehr des weniger Ich. Alles wird in ihrer, der Müdigkeit Ruhe erstaunlich “

„Aber wie sind dergleichen Müdigkeiten zu schaffen? ...
„Ich weiss kein Rezept, auch mir selber nicht. Ich weiss bloss: Solche Müdigkeiten sind nicht zu planen; können nicht im voraus das Ziel sein. Aber ich weiss auch, dass sie nie grundlos eintreffen, sondern immer nach einer Beschwernis, im Übergang, in einer Überwindung. - Und nun lass uns aufstehen und weggehen, hinaus, auf die Strassen, unter die Leute, um zu sehen, ob uns vielleicht in der Zwischenzeit dort eine kleine gemeinsame Müdigkeit winkt, und was sie und heute erzählt.“
   

 
 
Datum: 14.08.2016
Titel: Aus "Allein das Zögern ist human", zum Werk von Markus Werner
Text:
Hermann Kinder schreibt über Autobiographisches:

„Alphons Silbermann hat zu seiner gewaltigen Autobiographie gesagt, er habe sie nur in Er schreiben können.
Geschrieben, nein: schon phantasiert ist Ich nicht mehr das wahre Ich, falls es dies,was nach seinen Büchern fraglich ist, überhaupt gibt. Phantasiert und geschrieben ist das Ich nie das ungewisse wahre Ich. Ob das unterstellte wahre Ich sich als Er oder Ich phantasiert, ist den Lesenden egal. Ihnen bleibt das autobiographische Ich in allen Kleidern erkennbar, weil sie in einer Gesellschaft, in der Intimität vorwiegend imaginativ hergestellt wird, ich-nahe Texte als Bekenntnisse lesen. „Werther“ und die Folgen. Dem Schreiben ist das imaginative Spiel mit dem Ich Voraussetzung und Lust; das Lesen ist schamloses Kleiderherunterreissen, indem es Held und Heldin zu Autor und Autorin zurückstampft.
   

 
 
Datum: 09.08.2016
Titel: Glühwürmchennacht
Text:
Die Musik der Nacht
zaubert Räume
zwischen alte Stämme.
Wie ein heller Schattenwurf
sind Wege im Totenland
wo Schwärmer erwachen
in Wellen und Wogen
über entschlafenem Grund.
Lose Sternchen
regen sich
zeichnen Bahnen in die Finsternis.
Auf der Hand
pulsiert ihr Leben
im Hochzeitstanz
abhebend und schwebend
nach Weisen ihrer Art.

Wir Kommen und Gehen
schwarze Gestalten
ortlos das Flüstern - ein Seitenblick
auf bekränzte Namen
in rotem Grablicht.




   

 
 
Datum: 27.07.2016
Titel: Markus Werner im Buch "Am Hang"
Text:
Clarin und Loos im Gespräch auf der Hotelterrasse:

„Kurzum, ich habe mir verbissen in den Kopf gesetzt, nicht stumpf und zahm zu werden, wobei ich allerdings einräumen muss, dass mein Verzicht auf Resignation nicht sachlich begründet ist, sondern nur hygienisch, ich meine seelenhygienisch,verstehen Sie? - Nicht sehr, sagte ich, und Loos erklärte, der Sachverhalt sei simpel. Wenn sein Verzicht auf Resignation sachlich begründet wäre, so würde das bedeuten, dass er den Irrsinn, der alles und alle durchwirke, für reversibel und kurierbar halte, dass er ,anders gesagt, an Rettung glaube, was ungefähr so albern wäre, wie die Hoffnung, aus einer Jauchengrube könnten plötzlich Jasmindüfte steigen. Wenn er nun schon nichts ändern könne am Gestank, so wolle er ihn wenigstens beim Namen nennen und ihm gleichsam mit offenen Nüstern begegnen, das sei er seiner Seele schuldig. Sie, seine Seele, empfinde zwar Ohnmacht als Kränkung, als Schlimmeres aber, nämlich als Schande empfände sie es, wenn er die Fenster schliessen würde, pfeifend auf Zeit und Welt.“
   

 
 
Datum: 12.04.2016
Titel: Hermann Hesse
Text: Knulp


Knulp im Gespräch mit seinem Wanderfreund:

„Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten Stunde anschaut. „
„Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so, dass man ausser dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine Angst.“
„Ja wie denn?“
„Ich meine so: eine Jungfer würde man vielleicht nicht so fein finden, wenn man nicht wüsste, sie hat ihre Zeit und danach muss sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich würde es dann kälter anschauen und denken: das siehst du immer noch, es muss nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben kann, das schaue ich an und habe nicht bloss Freude, sondern auch Mitleid dabei.“
   

 
 
Datum: 20.03.2016
Titel: Arie
Text:

Gedanken an die grosse Nacht.
Sternfontänen die sie ernannte
stimmgewaltig
Alt - tremendo andante
ihre wundersame Arie
klanglang
über
schlafende Rücken gestreift
des Teufels Geiger Saiten gesprengt
Koloraturen schrecken
einsilbige Tage auf
warme Gründe
dem kosenden Munde

Frühlingserwachen

   

 
 
Datum: 20.03.2016
Titel: Friedrich Gundolf
Text: Rede zu Goethes hundertstem Geburtstag

"Goethe konnte noch ohne Krämpfe, Flüche und Blitze zu der leidvollen Wirklichkeit, der alltäglichen Nähe, zur All-Gemeinheit ja sagen, ohne sich ihr preiszugeben, ohne sie in eine Hölle abzuschieben, ohne sie zu verlernen. ...


Sein Realismus brauchte nicht den Grimm und Hohn der enttäuschten Idealisten, wie Stendhal
Balzac, Flaubert, nicht den Zorn zynischer Schwärmer, wie Lord Byron und Heinrich Heine, nicht den beständigen Trutz der heiligen Einsiedler wie Heinrich von Kleist, Baudelaire oder Ibsen. Alle diese zwangen sich zum Realismus oder Naturalismus aus Tapferkeit, Askese oder Verzweiflung, weil sie es nicht aushielten im schönen Lug der ausgeleerten Ideale. Sie wollten lieber den Stank als
den parfümierten Qualm." ,,,


   

 
 
Datum: 24.02.2016
Titel: Die Pest von Albert Camus
Text:
Der Arzt Rieux nach dem die Pest in der Stadt abgeklungen ist und die Tore wieder offen waren und sich die Menschen wieder fanden:
„Wenn es etwas gibt, das man immer ersehnen und manchmal auch erhalten kann, so ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem Menschen. Das wussten sie jetzt.

Alle die jedoch, die sich über den Menschen hinaus an etwas gewandt hatten, das sie sich nicht einmal vorstellen konnten, hatten keine Antwort erhalten Es schien, als habe Tarrou jenen spröden, widerspruchsvollen Frieden erlangt, von dem er sprach, aber er hatte ihn nur im Tod gefunden und zu einer Zeit, da er ihm nichts nützen konnte. Rieux sah dagegen andere, die sich im schwindenden Licht auf der Schwelle der Häuser mit aller Kraft umarmten und sich hingerissen anblickten;sie hatten erhalten, was sie wollten, weil sie das einzige verlangt hatten, was von ihnen abhing. Und als Rieux in Grands und Cottards Strasse einbog, dachte er, es sei gerecht, dass die Freude wenigstens von Zeit zu Zeit die belohne, die sich mit dem Menschen begnügen und mit seiner armseligen, gewaltigen Liebe.
   

 
 
Datum: 25.01.2016
Titel: Text
Text: Milan Kundera in: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“

Der Mensch, der vom Schönheitssinn geleitet ist verwandelt ein zufälliges Ereignis in ein Motiv, das er der Partitur seines Lebens einbeschreibt. Er nimmt es wieder auf, wiederholt es, variiert und entwickelt es weiter, wie ein Komponist die Themen seiner Sonate transponiert. Anna (Anna Karenina) hätte sich das Leben auch anders nehmen können. Doch das Motiv von Bahnhof und Tod dieses unvergessliche, mit der Geburt ihrer Liebe verbundenen Motiv, zog sie im Moment der Verzweiflung durch seine dunkle Schönheit an. Ohne es zu wissen, komponiert der Mensch sein Leben nach den Gesetzen der Schönheit, sogar in Momenten tiefster Hoffnungslosigkeit.
   

 
 
Datum: 23.01.2016
Titel: Sprachzeiten
Text:
In den Sand gesetztes Wort
- wortlos verebbt.
Geflutet
zerschellt
am Fels einer Ballung
da drinnen
der Tiefe Schiffbrüchiges
und Treibgütiges einer Beherzten.

Die Perlensucherin gebückt
am Ufer der Gezeiten
flüsternd die Stimme am Ohr
weist sie
im Muschelkalk
das gereifte Wort.
   

 
 
Datum: 20.05.2015
Titel: Gedicht
Text:
Wellengang 3.5.2015

Inselgesang
im Einklang
mit einem verborgenen Schatz.
Mit dem Rhythmus der kommenden Welle
locken Stimmen, die den Ort kennen.
Ahnen wir verheissungsvolle Gründe
steigt das Fieber der Jagd.

Strudelnd lockt der Nymphe ihr Gesicht
Gischt zischt : Gier
ins Wellental gefallen
suchen Menschenarme
leere Hände die sie heben
zum Wellenberg – ein nächstes Mal.



   

 
 
Datum: 06.05.2015
Titel: Gedicht
Text:
Die Sanduhr

Ein Versuch zu erwachen
jetzt wo es so still ist
und die Stille
den Sand in der Sanduhr betoniert hat.
Die Zeit steht still
und zeitlos tickt eine Bombe.
Soll doch irgendwas rütteln und schütteln
damit es weitergeht
durch die engste Stelle, wo Skylla und Charybdis lauern
damit das Leben wieder in den Tod
oder der Tod ins Leben rieselt.




   

 
 
Datum: 19.04.2015
Titel: Gedicht
Text:

Frühling April 2015

Ein Lichtstrahl fällt durch die offene Tür.
Ornamente im Zerwürfnis
machen den Boden zum Kunstobjekt
einer ungewollten Performance;
langsam schlürft ein Schatten vorbei.
Schaue ich hin, ob ich jemanden sehe?
Mir kommen Mutter's bunte Primeln in den Sinn
ausgegraben und versetzt
in meinem Garten die blühende Zeit
und weit und breit kein Heimkehrender
draussen vor der Tür.



   

 
 
Datum: 29.03.2015
Titel: Gedicht 29.3.2015
Text: Wiegenlieg

Im Wiegen der Schritte -
eigene Beine sind ihre Arme
umgreifend, ergreifend
das Lied in der Erinnerung eine Welle
nahm sie mit ein Sinnen?
Eine leichte, sich nähernde Woge
überspült die hungrige Erdhand, die
die Saat zu hoch warf
um Keimgrund zu finden.
Im Wiegen ihrer sanften Augen - mein Blick ist ihrer
ein Schiffchen ihr königliches Seidenkleid
um ihren prallen Busen webt.

   

 
 
Datum: 25.03.2015
Titel: Tagebucheinträge
Text: Ich habe die alten Tagebucheinträge wieder in die reparierte Seite aufgenommen, leider nicht mehr chronologisch.

Renate Weber

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Das Lächeln der Skulptur

Mund, Lippen
Augen, ein Gesicht

aber kein Herz

nicht nötig
hast du gesagt
man sähe es ja nicht

Steinmund
Steinlippe
Steinauge

aber kein steinernes Herz

dann hast du
das Lächeln
geformt
und ich spürte meines
bis zum Hals.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Sonnenzeit. 14.11.12

Mit dem Rascheln des Laubes
ein Reh flieht.
Auf Zehenspitzen kehr ich heim.

Im Rotgold des Herbstes
tanz ich als Blatt vorbei
geflüstert
hat mir der Wind nur
Worte für Taube.

Der Sonne weicht das Auge aus.
Nacht ist’s, wenn sich
die Frage im Raum stählt.

Beim Wachsen, beim Schwinden
mir nah oder fern bist?

Trabant, der nachfolgt
ins vordiamantene All
ein Sonnenmund
den Weg ruft
im Reigen uns hält.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Herzblock

Jetzt
braust es und schneidet
das Fleisch und die Haut
zu Marmor

ändert Blut

ädert nicht blau
nicht mehr rot

im Tümpeln
trübt seicht
schlingert das frische Rosenblatt
das welke
sackt
still


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Im nächsten Jahr 31. 12. 2011

Welche Rolle?
Mich erträumend und erweckend
Ich.
Das nächste Stück
schon geschrieben aber noch ohne Gehör
von seinen Kaskaden
übergossen
weggeschwemmt
in der Senke geblieben
in der Hitze verdunstet.
Ein Druck auf den Knopf.
Chopin. Der Pianist.
Wassertonteilchen aufgenommen
die Regenhand aufgehalten.
Mäandert durch jede einzelne Ritze
Berührung
entweder ist sie es jetzt – oder nicht.
Weitertasten
ins nächste Jahr.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:



Das Haus der Dichterin 13.11.2011

Sechs gläserne Augen
ich weiss nicht
woher geworfener Stein ist

gesprungen

im Mondlosen
die Windungen
treppauf treppab

zusammengekehrt unter
knarrenden Stufen
in Spinnenfängen
gehalten
über dem Kellerloch

wo in Spinnenfängen
über dem Kellerloch gehalten

sechs schwarze Augen
vier Fenster, zwei Kreuze jedes

ein Schatten huscht

stehe ich vor dem Haus
ent setzt.




   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:
Zu den Bildern “der Morgen“ und der “Abend“

Der Scherenschnitt „der Abend“ liegt offen vor mir, und ich versuche mir die Stimmung so einzuprägen, dass das noch gefaltete, heute beendete Gegenstück, „der Morgen“ möglichst überraschend auf mich einwirken kann, wenn ich es dann aufmache.

Die Stimmung im Bild ist ruhig und sehr harmonisch, die Figuren wirken stilisiert und wenig beweglich. Es ist so, als wenn die hereinbrechende Nacht die Konturen schläfrig macht und sie ergeben um ein Zentrum legt und so, als wenn die untergehenden Sonnenstrahlen einer Ordnung Platz machen, deren eigenes Licht weisse Aureolen um sich schart, die sich im weiten Raum konzentrisch ausbreiten und alles still zusammenhalten.

Ich versuche mich noch ein wenig schlafend zu stellen und etwas träge, bin aber gespannt, ob mich der Anblick des „Morgens “auch aufzuwecken vermag.
Vor mir liegt er gefaltet und verschlossen da.
Langsam entferne ich die Klebstreifen von dem Rand und wie die verklebten Augenlider lösend, öffne ich mit einem zaghaften Blinzeln, um die Spannung noch etwas zu erhöhen, den Scherenschnitt;

Lichtwellen von einem Pol zum anderen überschauern das runde Bild. Meines? Vielleicht ist es doch eher ein seichtes Überfluten, ein etwas zu eiliges, ein zu flüchtiges, übersehend und oberflächlich .So mag es sein. Einige Überbleibsel, deren dunkle, wenig ausgeschnittenen Partien, sich dem Licht erwehren, setzen sich ab und markieren ihre Grenzen. Sie zeichnen dort die Stimmung unruhig und lassen an Dinge mahnen, die sich in der Dunkelheit verlieren und die sich erst wieder im Erwachen des Morgens zu formieren beginnen, wie Soldaten zum Gefecht, aufbrechen, den Tag bestimmen und ihn zur Herausforderung machen.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Auf Grund

Ziehe tiefer
und tiefer
dein Kiemenatmen
durch Räume
innerster Laichzeit

Lass nicht fallen
damit auf Grund
ein kurzes Erzittern
noch Leben zeigt
und einer würfe
am Haken
das Brot
- zöge hoch -
was er noch haben wollte
für den Gaumen oder
die Zucht.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Erika Burkart
Text: Erika Burkart in „Das Schimmern der Flügel“

„Auf jedes Glück folgte fast immer ein Unglück. Was macht ein Kind mit dieser Erfahrung, woher kommt ihm die Kraft, nach der vorgeburtlichen Geborgenheit das wetterwendische Leben nicht nur auszuhalten, sondern zu lieben, neugierig, bereit, mit offenen Augen und Armen auf die listigen Menschen, die unberechenbaren Dinge zuzugehn? Der dem Ursprung noch nahe Impuls, es nochmals zu versuchen, erneut auszubrechen in die Hoffnung, diesmal werde alles anders verlaufen, lässt Enttäuschungen, Verletzungen und Verstossungen wohl nicht vergessen, drängt diese aber soweit ab, dass Mut und Lust wieder Raum haben. „
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Hilde Domin
Text: Hilde Domin formulierte 1978:

„Das „Wunder“, ein im Lichte der Vernunft – um es mit Spinoza zu sagen – mögliches Wunder, für das hier Bereitschaft verlangt wird, besteht für mich darin, nicht im Stich zu lassen. Sich nicht und andere nicht. Und nicht im Stich gelassen zu werden. Das ist die Mindest-Utopie, ohne die es sich nicht lohnt, Mensch zu sein.“
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:

In einem Vorwort zu einem Gedichtband habe ich gelesen:
„Der Höhepunkt des Apokryphen ist überwunden, man schreibt wieder Gedichte, die klar und präzise, einfach und vollkommen sind… Man nimmt zur Kenntnis, man konstatiert und beschwört, man stammelt nicht mehr und man schreit nicht.“ (1959)





Wortlos Renate Weber

Dieses gezeichnete Lächeln
ist die weise Wortflucht
eines Mundes

So wie es bloss liegt
ein offenes Meer
das die Mündung einer
noch offeneren Landschaft ist
und mit jedem Atemzug
die fruchtbare Zone
verborgener Quellen

Warum nicht schreien?
Warum nicht stammeln?

Sammelten sich dann
letzte
hörende Horizonte
zu Türmen stürmischer Wogen

löste sich dann
sperriges Treibgut
zum einzig
zu sagenden Wort?





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht von Hilde Domin
Text:

Rufe nicht Hilde Domin


Lege den Finger auf den Mund.
Rufe nicht.
Bleibe stehen
am Wegrand.
Vielleicht solltest du dich hinlegen
in den Staub.
Dann siehst du in den Himmel
und bist eins mit der Strasse,
und wer sich umdreht nach dir
kann gehen als lasse er niemand zurück.
Es geht sich leichter fort,
wenn du liegst als wenn du stehst,
wenn du schweigst als wenn du rufst.
Sieh die Wolken ziehn.
Sei bescheiden, halte nichts fest.
Sie lösen sich auf.
Auch du bist sehr leicht.
Auch du wirst nicht dauern.
Es lohnt sich nicht Angst zu haben
vor Verlassenheit,
wenn schon der Wind steigt
der die Wolke
verweht.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Kern 23.1.13

Kraft ist im Erkennen.

Das Gehäuse zu zerschlagen
brauchst du mich.

Alte Worte, zu jung um über die Zeit
zu glauben.
ich werd’s versuchen.

Ungestillter Hunger
wenn die Hand zum Hammer wird
trifft
wo wir zusammen liegen
und uns etwas Neues
keimen will.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: An einem Sonntag 20. 4. 2010

Sie stützte die Mutter, als sie über die Steinschwelle in die Kirche traten.
Ihre Fingerspitzen tauchten ins Weihwasser im weissen Marmorbecken. Das Zeichen auf der Stirn, kühl, wie damals auf der Stirn des Mädchens, an der Hand der Mutter, die es vorne in der Nähe des Altares in die Bank schiebt.

Verspielte Leuchter, Fixsterne an der Himmelskuppel, spitze, filigrane Türme auf dem Dach des Baldachins, Tulpen und Rosen, bunte Teppiche an den Wänden, Keimzellen einer späteren Kunst, unterbrochen von düsteren Bildern; Stationen von Christus Martyrium.
Das Mädchen schaut sich um im Märchenschloss. Die Königin Maria links und der König Joseph rechts, mit dem traurigen Blick, oben von der Decke des Mittelschiffs das Kreuz, an ihm der tote Sohn. Mütter – und Väterhände werden den Sohn vom Kreuz nehmen, ihre Arme werden den versehrten, schweigenden Leib wiegen, das Ausgestossene der Welt in die Obhut ihrer Herzen zurücknehmen.

Die vergilbten Vorhänge des Beichtstuhls fallen schwer, dämpfen das Gemurmel der fröstelnden Seele, bis eine Hand diese palmengrüne Grenze zurückschiebt, die Dunkelheit das Mädchen wieder hergibt und die gefalteten Hände den gebeugten Körper auf der Holzlehne der Bussebank abstützen. Die Erinnerung an am Rücken wachsende Flügel, die es federleicht über die Stufen ins Freie tragen.

„Komm wir gehen weiter nach vorne“, sagte die Mutter. „So sehen wir den Altar.“
Sie nahm den Stock, half ihr auf und einige Reihen weiter vorne, liessen sie sich erneut in die Bank sinken und nahmen das Gesangsbuch aus dem Fach.
Einmal wird sie sagen, dass sie ihre Mutter nur in der Kirche singen gehört hat, dass das Orgelspiel, wie jetzt, ihre leise Stimme überflutete und nur sie, den zitternden Lippen eine vertrauliche Botschaft ablas.

Kinder schmiegen sich an. An den warmen, weichen Leib. Atmen den Duft ein, den sie irgendwann an sich selbst entdecken. Schauen empor, strecken die Arme um aufgenommen zu werden.
Vorne in der Kirchenbank steht die Mutter, neben ihr ein weisses, starres Kreuzlein, das Kind mit dem bunten, getupften Tuch. Im Rücken die Blicke der Gläubigen; arme Mutter, armes Kind.





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Was ich über den Schatten weiss

Wenn die Sonne
aus dem Zenit geht
glaube ich nicht lange
an goldene Strassen
und diamantene Schlösser.

Mit mir
die wachsende Gestalt.
Mit mir der Riese dann Zwerg.

Es wiegen mich die treusten
wenn die Zeit den Weg verschluckt
und ich träume
dass Gestirne sich drehen
um das Kind
das nur in Hellen die Zuflucht sucht.

Freund des Lichts!
- es umgibst.
Lehnt es sich
an deine Schultern an
fällt’s und fällt’s

ins Nichts.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Das Gesicht von V.

Ich seh’s ja
wie es lebt
wie es sich einfärbt im Licht.
Wohl ist’s mir an seinen Hügeln
und Seen, die, wie der Wind weht
sich falten und glätten und ich
aus Tiefen
Lieder des Lebens höre
flüsternd das Blatt schweben
von Blumen, welche strahlten
im gemeinsamen Garten.
Mund der mit mir spricht
sich jetzt auftut
den Tränentropfen nehmend
wie meine Hand die Hostie.
Ich spür’s,
dass es einmal entgleitet
dem Menschenraum, der da ist um …
um?
Mir ist der Augenblick lieb
und die Lippen die dann zittern.
Auf Wolken seh ich sie treiben
es dazwischen nehmend
das Haar streichend
den Mund golden
und die Lider
behutsam, möchte ich sagen
als wäre es das Gesicht ihres Kindes.








.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Goethe im Gespräch
Text: Goethe im Gespräch mit Johann Peter Eckermann

„Mangel an Charakter der einzelnen forschenden und schreibenden Individuen, sagte Goethe, ist die Quelle alles Übels unserer neuesten Literatur. Besonders in der Kritik zeigt sich dieser Mangel zum Nachteil der Welt, indem er entweder Falsches für Wahres verbreitet, oder durch ein ärmliches Wahre uns um etwas Grosses bringt, das uns besser wäre. „

abgeändert: und wenn Menschen gross genug waren, etwas Grosses für die Menschheit zu erdichten, so sollten wir wenigstens gross genug sein, daran zu glauben. (rw)
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:
Musical “Notre Dame de Paris“ (nach Victor Hugo) Musik: Richard Cocciante


Das Lied

Wie schön doch die goldenen Schleifen im Kerzenlicht glitzern und Schattenfiguren auf das bunte Weihnachtspapier werfen.
Ich bin dran, den Bändern Locken wie goldenes Engelshaar zu ziehen. Dann klebe ich die Adresse auf’s Couvert, ein Silbersternchen und die CD ist bereit für die Reise, darin der Refrain meines Liedes:

„Belle….
J’ai posé mes yeux sous sa robe de gitane
A quoi me sert encore de prier Notre Dame?
Quel
Est celui qui lui jettera la première pierre?
Celui-la ne mérite pas pas d’être sur terre
Oh! laisse-moi rien qu’une fois
Glisser mes doigts dans les cheveux d’Esmeralda“

Notre Dame der Paris!
Morgen werde ich in deinem Lied mitziehen und durch fremde Strassen gehn. An bemalten Häusern vorbei und an steinernen Dorfbrunnen. Ich werde mit den Musikanten an dampfenden Flüssen tanzen, durch enge Schluchten eilen, über vereiste Wasserscheiden springen und die Melodie wird an schroffen Felsen widerhallen, bis die Landschaft sich etwas auftut. Und dann zeige ich ihm seine Bleibe.

Und nie mehr möchte ich aus ihm fallen! Quasimodo, Frollo, Phœbus!
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht 204
Text: Andere Tage.

Flussbett.
Weisser wie Kalkstein.
An Rändern verändert
Verkrustetes den Lauf.
Riss, der entzweit
weit vom Himmel herab
die kargen Ufer
entlang wir waten
in Zeiten der Ebbe.

Sass das Flösserpaar
einst in trauter Zweisamkeit
gebunden im Strahlenkranz
flutender Morgen.
Feuerpaar im Sonnentanz
flirrend goldene und
steigend kreisende Flügel
aus taufrischer Saat.

Aus dem Blickfeld gepflückt
die Lilie
und das Blattgold vom Baum.
Damit ich die Dürre sehe
und die Schleichende, deren Frucht
den Hunger jetzt stillt
und sich räkelt
auf zugedeckter Blösse.

Züngelt sie Wortlosigkeit
zu der ich wieder Ja sag
weil ich hoffe -
sich doch Zisternen füllten
mit Vergossenem dieser Tage.






   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht 2013
Text:
Sinn

Gehst weiter wenn ich frage
als wäre dort etwas
dass ich nicht sehe.
Ein Tier riecht ein anderes
am Ende des Wegs.
Ich werd dort sein
sagst du mir
wenn in der Tiefe der Nacht
die Eintagsblume aufgeht
und ihr Anblick
mir die Sonne leuchtet.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Geict 2013
Text:
Beziehungen

Ein Teller auf einem Stab
einer von vielen.
Eine ganze Reihe.
Es ist gleich, ob erster oder letzter.
Hauptsache er dreht sich
sonst fällt er runter
und das Stück misslingt.

Er könnte zerbrechen.

Kein Perpetuum mobile.
Wollen die Teller nicht mehr drehen
gibt er den Stäben Schwung
damit sie sich drehen
zur Verfügung stehen.
Wo ein Wille ist, ist ein Teller.
Am Laufen halten, die Teller
damit sie für ihn tanzen.

Wir sollten Teller sein, Dinge.
.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht 2014
Text: Der Wanderer (Schuberts Fantasie)

Vom Berg ins Tal.
Gedanken entgleitende Drachen, weit
im Windspiel
türmender Wolken
und Lerchen gleich
im Sinkflug der Erde nah.

Namenlos die Blume
fremd das Land.
Ein Brausen und Rauschen
vom ortlosen Fluss.
Rastlos entlang
mit festem Schritt
trunken im Sonnenrot
wenn rosiger Abendduft
über schwindenden Wiesen liegt.

Tastend die Hand
über Myriaden Oktaven.
Tremoli entrinnen
himmlischem Klingen.
Ein Perlenspiel
erklingt durch die Nacht.
Ein Zittern.
Ein Flimmern.

Heimatliches Licht
schwebt
über der Spur des Wanderers.
.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text 2004
Text: Die Hände 2l.11.04

Am Ufer sitzt die Frau auf einem Felsvorsprung, den das Wasser in den letzten Tagen freigegeben hat. Die Frau beobachtet, wie verirrtes Schwemmholz tanzend an ihm, von einer Welle erfasst, an die Böschung treibt und dann weiter hinunter, wo der Flusslauf eine Krümmung nimmt und ihrem Blick entschwindet.

Ihre Gedanken gleiten hinüber zu den Auen, in denen sich langsam die Nebel verhängen und das Weidendickicht verhüllen; ihre Gedanken kreisen um die fleckigen Birkenstämmchen, die die Landschaft auf der anderen Seite des Flusses geheimnisvoll deuten.
Sie merkt, wie sich das Bild nach und nach zu verwischen beginnt und nur noch das Fliessen des Wassers eine Zwischenwelt bildet, die ihr als Schutz und Grenzlinie sicher erscheint.

Plötzlich löst sich dort drüben aus den Stauden eine Gestalt und sie erschreckt, als ihr Kind diesem Nebelort entspringt und sie sieht, wie es ihr mit flatternden Händen hastig entgegeneilt, von einem Wellenkamm zum anderen zu ihr hin hüpft ,über das Wasser, das vorher noch still und sanft zwischen ihnen war.

Die Frau nimmt das schreiende Kind, nimmt seine Hände, taucht sie in das kühlende und lindernde Nass und sie spürt, wie wohl es ihm tut und wie die warmen Tropfen in den Strom fallen, der zu kochen und überschäumen beginnt; sie spürt die tobende Flut, die nun reissend schwer zu ihrem Herzen rauscht.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Erika Burkart 20.04.2010
Text: Letzte Woche ist Erika Burkart mit 88 Jahren gestorben.

Letzte Woche hatte ich noch in ihrem Band „Das Schimmern der Flügel“ gelesen und am Zeilenrand besonders die mir nahe gehenden Stellen bezeichnet:

„Ob ich mich nach dem Grund seines fassungslosen Unglücks (Glücks) erkundigte? Ich weiss es nicht mehr, erinnere aber, dass auch ich zu weinen begann, dass wir, Stirn an Stirn, Haar in Haar, uns ausweinten, küssten, an den Händen hielten, zwei traurige Kinder in einem finsteren Loch nachmittags um vier Uhr, während die Sonne auf die bemoosten Ziegel brannte und die Schatten des Nussbaums an der Scheunenwand gegenüber zitterten wie unsere von einem Weh befallenen Körper, für das Kinder keine Worte haben. Als hätten wir geahnt, dass das Leben nicht die Goldene Stadt ist, von der Thomas Wolfe den Jungen Monk träumen lässt, sondern ein steinernes Tal, wo man verlassen und zugeschneit wird.“


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Erika Burkart
Text: Grundwasserstrom 4.3.2009


An der Stelle, wo das Selbst zertrümmert wurde, entsteht ein Leck, durch das abgesaugt wird, was sich aufbauend betätigen möchte. In nicht heilenden Wunden versucht man sich dem Leid anderer offen zu halten. (Es gibt kein „fremdes“, es gibt nur näheres und ferneres Leid.)
Die Kapazität des Mit-Leids ist beschränkt. Umgesetzt in Kunst, wird es zum Charisma und erscheint als solches unbeschränkt.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Das Sofa

Wie ein Berg sich hinzieht
am Horizont eine Landschaft
in der Flaute
ihre Ruhe überziehend

sehe ich dich

bei meiner Heimkehr
harrend der Dinge
nicht beim Namen nennend
brichst du in den Sturm

Das Knicken morscher Äste
Steine die an Steine reiben,
Stämme die in Fluten treiben

meinen Mund

zu Worten
die wie das graue Muster
deines Sofas.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Tagebuchnachtrag
Text: Tagebuch

Die Texte und Gedichte habe ich wieder ins Tagebuch aufgenommen. Leider nicht mehr chronologisch.

22.03.2015 Renate Weber
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedichte
Text: Kinderzeichnung (Blick durch das Fenster)


An schwarzem Fensterkreuz
gleitet mein Blick
ganz leicht zu ihm,
in Himmel wo sich Sternenwerk
rieselnd wie Engelshaar oder wie ein zärtlicher Schweif
goldstauben
zu ätherischen Wesen wandelt,

in dieser Nacht
ist mir ein fremdes Kind begegnet,
das ich schon lange kenne.

.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Du mein Berg 8.4.08


„Es gibt nichts auf Erden, das nach Schönheit begieriger wäre und sich leichter verschönt als eine Seele. Darum widerstehen auch sehr wenige Seelen auf Erden der Herrschaft einer Seele, die sich der Schönheit hingibt.“

aus Kandinsky’s „Über das Geistige in der Kunst“


Tast mich vor
auf altem
Steineis

geh den Saumweg
wie ein Tier.

Zügellos
in einem Steilhang

haltlos drinnen.

Vom Felsknie
nimmst du
deine Berghand

Schattengebärden.

Im Lichtkranz
des Kristallrings
steigen
Silhouetten
einer Trunkenen.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Der Riese 29.9.06

Unter schwarzem Himmelsmantel
tappe ich blind
das rhythmische Donnern deiner Mitte
verwirrt meines

Wenn du über mich gehst
Rübezahl
bleibt nichts mehr.

Wenn du vorüber gehst
Herr des Gebirges

lobe ich deine Kraft
bewundere deine Grösse
weine
weil deine Sanftmut mich schonte

und dieser Begegnung
wird immer ein tiefes
Erschauern bleiben.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Am Sonntag im Kunstraum von… 21.5.08

leere Gesten
aus grobem Leinen

an die Handschuhe
Kaskaden roter Fäden genäht
an keinen Wirkungsort
der Fall
--
in wallendem Schweisstuch
ein fahles Kindergesicht
Schattierung eines Gewesenen
Anmut
aus Asche und verschmutztem Weiss

jenseits des Ausdrucks?
jenseits einer Geste?
--
im Video die Orange
in matschigem Fruchtfleisch
der rotverschmierte Mund
scharfe Schlürfgeräusche
aus entsafteten Schalen

die Frau wundert sich
und hält die leeren Hälften

nimmt eine Nadel
nimmt den roten Faden
durchsticht
durchzieht
durchsticht die beiden

Initiationsritus einer anderen Ganzheit?
--
überall im Raum Zischlaute
ZZZZZZensur
überspieltes Geflüster einer Betenden?








   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Erika Burkart
Text: Selbstverflüchtigung 7.5.08

Auszug aus „Grundwasserstrom“ von Erika Burkart

„…Plötzlich fehlt auch der Schatten; an seiner Stelle eine Figur aus Glas, ein Profil, durchsichtig auf jede Umgebung, jeden Hintergrund, deren Farben und Strukturen er automatisch annmimmt bis zur Unkenntlichkeit, Unsichtbarkeit seiner selbst.
Legt sich eine Tarnkappe zu, wer sich in der Kindheit klein machen lernte, wer zum Seepferdchen wurde? einem Wesen, das Arme und Beine versteckt im Körper?
Bloss keine Tentakel. Fühler sind verletzlich.

Jäger oder Wild? Seiner Anwesenheit versuchte ich mich zu versichern, indem ich mich nach der Seite wandte, wo er zu gehen pflegte: Niemand, nahezu niemand. Geblieben waren die Augen, Angst war darin, Unruhe, eine schwarze zuckende Ader spaltete die Stirn.

Wenn ein Wort fällt - Worte fallen, wie Steine die einen, andere wie Samen – hat es Mühe, nicht verlorenzugehn in der Zone des Schweigens, in die schon das Kind sich zurückzog, mit Schnecken spielend, Kartenhäuser bauend, die sie dir zerstörten, die du zerstörten lerntest, Architekt von Türmen aus Wolken und Wind.“


Warum tut mir jetzt die „Schönheit“ dieser Worte weh und nicht das, an was sie erinnern?? (rw)

Kirkegaard schrieb;
„Wenn ich poetisch mich erinnere, ist mit dem Erlebten allbereits eine Veränderung vor sich gegangen, dadurch es alles Peinhafte verloren hat. Eine ästhetische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bedeutet deren Neutralisierung.“

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Das Meisterstück 5.5.08

Legst du in Intarsien ein Stück Kerbholz
in die Stätte die fremde Gestalt
ist diese Begegnung
eine Form deiner Gewandtheit
Äusserung deiner grösseren Macht

Schlägst du mit dem Meissel
in die Tiefe den Wundspalt
wird jede Bewegung
zur inneren Gewissheit
Entäusserung einer tieferen Nacht

bleib lieber ein bisschen auf den Höhen
berühre nur leicht
so dass ich nicht sicher bin
ob du da warst
ob dir das Werk gefällt

nimm deine Hände
berühre nur leicht
diese Momente unseres Daseins
sind Chiffren einer anderen Gestaltung


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Erika Burkart
Text: Erika Burkart
schreibt in „Grundwasserstrom“


„Woran man nur selten eindringlich denken darf, weil es weh tut in jeder Schicht, wo Verletzungen unheilbare Leiden zeitigen: an den Schmerz, den geliebte Menschen uns antaten. Unsere Regenerationskräfte sind beschränkt, Haut wächst nach, ein Herz nicht.“

Es gibt aber Herzen, die durch dieses Leiden „grösser“ wurden. (r.weber.)
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: heute 16.4.08

ein unerwarteter Brief
zwei Monate zu spät
in der Zeitung
ein toter Bär
auch Thomas Mann:
„Ästhetizismus und weltabgewandte Kunst
als Wegbereiter der Barbarei“
Nietzsche:
„die Kultur kann die Leidenschaften, Laster
und Bosheiten nicht entbehren.
Ein dünnes Apfelhäutchen
ist sie über dem Chaos!“
die Brille für die Schneidearbeit suchen
am Telefon die Stimme
Lied Nr. 12 von Herbert Grönemeyer
im Keller leere Blumenkisten
Konserven über dem Verfalldatum
Kartoffeln mit Kiemen
im Bett „der Anfang aller Dinge“;
die begründete Hoffung von Hans Küng im Sterben
Lichterlöschen
den Schlaf finden
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:

Das neue Herz 1.4.08

Schaudert doch
leisestes Pochen
eines Sinkenden
von Stunde zu Stunde
zum Donnern.

Wie rasch
dieses Erkennen
ein Vermeintliches flutet.

Arche;
auch unsere Zeit
machte aus Ebenholz
keine.

Treib
ein letztes Mal
in solcher Sturmnacht

fass mir ein Herz

frisches Schwemmholz
trägt mich
in seine Kammern.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:

Kafkas Gregor ist nichts dagegen 14.11.06

wenn sie da liegt
welkende Blume
zwischen diesen Buchseiten gepresst
wenn keine Hände mehr da sind
die den Stein vom Deckel nehmen
und keine Finger
die mit Sternfaden die Lider zunähen könnten.

Du sollst nicht… das wievielte Gebot?

wenn sie vor ihm liegt
zwischen ihrem hungrigen Körper
und ihrer ach so frommen Seele
und er sie nicht schlägt
sie nicht sticht
und schon gar nicht belagert

der sie nur
mit seinem Lächeln
in den Stupor quält.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Wie es einmal war 4.2.08

Einen Augenblick lang
erinnerte Fülle
deren Kraft nicht die
Zeit hat zu bestehen
damit sie ein bisschen da bleibt
ein bisschen länger
als nur ein Blitzgefühl
wie im Kaleidoskop
gedreht
formt sich diese Blume
dieses kindliche Frohsein
aus den Scherben.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Im Bergwald 29.7.08


Durch Lärchen führt mich der Bergweg
hinter Stegen ein fallender Bach
im Tosen verliert sich ein Dasein
im Rauschen das Wesen

bin ganz Bach
bin ganz Moos
werde Wurzelwerk
werde Baum
aus meiner Rinde tropft Bergwald
warmes Goldlicht würzt seinen Atem



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: blaues Glas 19.10.06

Kein himmelblau , kein taubengrau,
keines von der Nacht.
Dein Sand gibt’s nicht an unseren Stränden.

In dir ist Blütenwasser,
in dir ein weisses Füllchen.
Aus deinem Grunde
schlängeln wirre Ranken
zu einem Kranze
schierer Wasserpflanzen.

Aus dir
fährt brausend
und mit höhnischem Gelächter,
der Geist im Glas
aus seinem Seelenkerker.

Feines glasiges Pfeifchen,
brichst
an Sonntagskinderwünschen.
Wenn dich
ein winzigkleines Männchen,
aus seinem tannengrünen Wämschen,
zornig
in die Luft verwirft.

In einer bauchigen Retorte
aus einem Hexenkessel sticht
an diesem stickig düsteren Orte
Fötenduft
aus venenblauen Kolben.

Wunderbares, wandelbares Gläschen,
neben siebtem Zwergengut.

Von welchem Mund bist du geblasen?
Von welcher Hand bist du
auf meinen Tisch gestellt?






   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zum Bild “Wintertag“ 20 7. 05

Vor einiger Zeit begann ich die vier Jahreszeiten zu schneiden. Für die Bilder habe ich weisses Scherenschnittpapier gewählt. Der Zufall wollte es, dass ich just anfangs Sommer den Herbst fertig stellen konnte und jetzt im Juli nur noch das Winterbild anstand. Ich fragte mich, ob ich warten sollte, bis Winterimpressionen ums Haus, die erlahmten Tannen mit ihren schwer beladenen Ästen, die Eiszapfen an den Dachrinnen, mir die Einstimmung für die weitere Arbeit erleichtern und mit sicherer Hand die Schere führen lassen?
Sich jetzt mit Schnee, Eis und durchdringender Kälte zu befassen, schien mir schwierig, zumal mir die letzten Nachrichten vom Sinken der Schneefallgrenze und am Horizont verschneite Bergspitzen besonders zuwider waren. Ja, mir war, als würde ich durch dieses Thema dem Sommer sogar ein paar kostbare Tage stehlen.
Trotz aller echten oder auch eingebildeten “Hindernisse“, entschied ich mich dennoch, den Scherenschnitt zu beginnen. Etwas freudlos, ohne inneres Feuer, vor allem ohne das gewohnte innere Drängen, wusste ich dann bald nicht mehr weiter und zweifelte am Gelingen.

Hie und da blättere ich in meinen alten Notizbüchern. Auch heute wähle ich eines aus dem Gestell und bin immer wieder überrascht, wie viele Einträge und Gedanken mir nicht mehr präsent sind, neu und fremd auf mich wirken. Gegen Ende des Buches stosse ich auf ein paar Zeilen, die ich vor Jahren aus der Novelle „Die Toten“ von James Joyce abgeschrieben habe, weil ich sie schön fand.
Unvermittelt erinnere ich mich, wie ich damals durch diese letzten Zeilen auf den Hügel stapfte, das kalte sperrige Tor aufstiess, wie die leichten Flocken über den schwarzen Kreuzen tanzten und wie sie beim Fallen das trockene Rosenzweiglein streiften, dann an der moosig befleckten Grabinschrift hängen blieben.

„Die Zeit war für ihn gekommen“, schrieb Joyce „seine Reise gen Westen anzutreten. Ja, die Zeitungen hatten recht: Schneefall in ganz Irland. Schnee fiel überall auf die dunkle Zentralebene, auf die baumlosen Hügel, fiel sacht auf den Bog of Allen, und, weiter gen Westen, fiel er sacht in die dunklen aufrührerischen Wellen des Shannon. Er fiel auch überall auf den einsamen Friedhof oben auf dem Hügel, wo Michael Furey begraben lag. Er lag in dichten Wehen auf den krummen Kreuzen und Grabsteinen, auf den Speeren des kleinen Tors, auf den welken Dornen. Langsam schwand seine Seele, während er den Schnee still durch das All fallen hörte, und still fiel er, der Herabkunft ihrer letzten Stunde gleich, auf alle Lebenden und Toten.“

Ich spitze den Bleistift, bestimme die Mitte auf dem gefalteten Papier und mache nun die Grobeinteilung. Wieder gehe ich durch dieses Tor, in das weisse Land. Und dort, wo mich des Dichters leise Stimme unaufhaltsam einhüllt und zudeckt mit Schnee aus allen Himmeln, beginnt mein Winterbild.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zum Bild “Wintertag“ 20 7. 05

Vor einiger Zeit begann ich die vier Jahreszeiten zu schneiden. Für die Bilder habe ich weisses Scherenschnittpapier gewählt. Der Zufall wollte es, dass ich just anfangs Sommer den Herbst fertig stellen konnte und jetzt im Juli nur noch das Winterbild anstand. Ich fragte mich, ob ich warten sollte, bis Winterimpressionen ums Haus, die erlahmten Tannen mit ihren schwer beladenen Ästen, die Eiszapfen an den Dachrinnen, mir die Einstimmung für die weitere Arbeit erleichtern und mit sicherer Hand die Schere führen lassen?
Sich jetzt mit Schnee, Eis und durchdringender Kälte zu befassen, schien mir schwierig, zumal mir die letzten Nachrichten vom Sinken der Schneefallgrenze und am Horizont verschneite Bergspitzen besonders zuwider waren. Ja, mir war, als würde ich durch dieses Thema dem Sommer sogar ein paar kostbare Tage stehlen.
Trotz aller echten oder auch eingebildeten “Hindernisse“, entschied ich mich dennoch, den Scherenschnitt zu beginnen. Etwas freudlos, ohne inneres Feuer, vor allem ohne das gewohnte innere Drängen, wusste ich dann bald nicht mehr weiter und zweifelte am Gelingen.

Hie und da blättere ich in meinen alten Notizbüchern. Auch heute wähle ich eines aus dem Gestell und bin immer wieder überrascht, wie viele Einträge und Gedanken mir nicht mehr präsent sind, neu und fremd auf mich wirken. Gegen Ende des Buches stosse ich auf ein paar Zeilen, die ich vor Jahren aus der Novelle „Die Toten“ von James Joyce abgeschrieben habe, weil ich sie schön fand.
Unvermittelt erinnere ich mich, wie ich damals durch diese letzten Zeilen auf den Hügel stapfte, das kalte sperrige Tor aufstiess, wie die leichten Flocken über den schwarzen Kreuzen tanzten und wie sie beim Fallen das trockene Rosenzweiglein streiften, dann an der moosig befleckten Grabinschrift hängen blieben.

„Die Zeit war für ihn gekommen“, schrieb Joyce „seine Reise gen Westen anzutreten. Ja, die Zeitungen hatten recht: Schneefall in ganz Irland. Schnee fiel überall auf die dunkle Zentralebene, auf die baumlosen Hügel, fiel sacht auf den Bog of Allen, und, weiter gen Westen, fiel er sacht in die dunklen aufrührerischen Wellen des Shannon. Er fiel auch überall auf den einsamen Friedhof oben auf dem Hügel, wo Michael Furey begraben lag. Er lag in dichten Wehen auf den krummen Kreuzen und Grabsteinen, auf den Speeren des kleinen Tors, auf den welken Dornen. Langsam schwand seine Seele, während er den Schnee still durch das All fallen hörte, und still fiel er, der Herabkunft ihrer letzten Stunde gleich, auf alle Lebenden und Toten.“

Ich spitze den Bleistift, bestimme die Mitte auf dem gefalteten Papier und mache nun die Grobeinteilung. Wieder gehe ich durch dieses Tor, in das weisse Land. Und dort, wo mich des Dichters leise Stimme unaufhaltsam einhüllt und zudeckt mit Schnee aus allen Himmeln, beginnt mein Winterbild.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:

Die Zeugen 8.6.05


Was für ein herrlich warmer Sommertag! Ich freute mich auf die Wiederaufnahme meiner Lektüre, holte Sonnenschirm und Kissen und machte es mir auf dem Balkon bequem.

„Moses der Ägypter“ von Jan Assmann. Erinnerung einer Gedächtnisspur.
Ein Buch, in dem der Lehrer für Ägyptologie von der „Mosaischen Unterscheidung“ redet. Einer ersten Unterscheidung in der Menschheitsgeschichte, die die Tradition mit Moses verbindet, die zwischen wahr und unwahr in der Religion trennt und die schlussendlich ganze Kulturräume spaltete und den Hass der Ausgegrenzten auf sich zog. Jan Assmann zitiert Autoren wie Freud, der unter anderen versuchte, die monotheistische biblische „Gegenreligion“, der folgende Exodus Moses` und seiner Israeliten aus Ägypten, mit dem ägyptischen König Echnaton, der im l4. Jahrhundert vor Christi gelebt hat und eine revolutionäre monotheistische Religion gründete, in einen entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen. Mit der einen Konsequenz – so, wie ich verstehe - die Unterscheidung von wahr und unwahr, die eben bis heute noch Konflikte, Intoleranz und Gewalt bringt, durch Rückführung in ihren Ursprung, zu überwinden und die Grenzen dieser auch geistigen Räume durchlässiger zu machen? Allerdings bin ich noch nicht am Ende des Buches und sollte darum nicht vorschnell und unvorsichtig Schlüsse ziehen. Ich war jedenfalls unglaublich fasziniert von den Sichtweisen und von all dem Neuen, das mir das Buch offenbarte, so dass ich aufschreckte, als vom Garten her ein Ruf ertönte, der mich in diesem Moment ziemlich zu stören vermochte.

„Huhu“ ertönte es nochmals. Ich streckte meinem Kopf knapp über das Geländer und sah zu, wie sich ein Mann und eine Frau der Steintreppe näherten.
„Hallo, dürfen wir sie kurz stören… haben sie auch schon darüber nachgedacht, warum Gott dies alles zulässt?“
Die Frage kam durch die zitterndheisse Nachmittagsluft pfeilgerade auf mich zu. Die Frau, die sie stellte, schaute zu mir hoch.
Ja, da erwartet mich was, dachte ich provoziert.
„Wir Menschen lassen es zu - nicht Gott -. Gott kann nur durch uns Menschen wirken, uns, die an ihn glauben und seine Botschaft der Nächstenliebe zu Herzen nehmen.“ schleuderte ich selten sicher hinab, schwenkte dabei meine Lektüre bedrohlich und dann konnte ich mir die Äusserung nicht verklemmen, dass ich im Moment gerade über religiöse Themen lese; durch dieses Eingeständnis und meine belehrenden Worte fühlte ich mich nun aber verpflichtet, mich mit dem Pärchen einzulassen und so ging ich runter zu ihnen, gewappnet und vorbereitet, denn ich wusste sofort, wessen Zeugen sie waren.

Auf dem drittuntersten Stäglitritt blieb ich stehen und hatte so gute Übersicht auf die beiden, die schnell näher kamen und unter mir stehen blieben.
„Glauben Sie nicht, dass Gott die Macht hat, einfach so einzugreifen?“ forschte sie weiter.
Ihr durchdringender Blick bohrte sich in mich und blieb dort stecken, wo die Sehnsüchte, die Hoffnung aber auch der Unglaube und die Zweifel mit sich ringen.
Hat sie mich jetzt erwischt? In diesem Moment kam mir meine Position seltsam vor und ich schritt die letzten paar Stufen hinunter und nahm die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit auf, mit der sie fragte.
Sie warteten etwas lauernd auf meine Antwort. Der Mann schlug eifrig eine Bibelstelle auf, die er dann zitierte und die mich von der Berechtigung dieser Frage überzeugen sollte.

„Ich weiss es nicht.“ und es stöhnte in mir. „Aber wenn WIR es nicht schaffen, dann hoffe ich darauf, dass er doch eines Tages… .“ Ich redete von den täglich Verhungernden, von den Gefolterten, Notleidenden, den Verzweifelten und von der Einsamkeit vieler Menschen.
„Ja, ich hoffe darauf, aber ich weiss es nicht“, kam es tief aus meinem Inneren hervor und meine hilflose Geste liess sie einen Moment verstummen.

Vielleicht verschonten sie mich darum mit dem kommenden apokalyptischen Feuer, dem Pech und dem Schwefel, an das sie bei Gottes Eingreifen wohl dachten, weil es ihnen möglicherweise in diesem Moment in ihrer Denkweise bewusst wurde, dass dies alles schon seit Anbeginn des Menschen über ihn ergossen wurde.

Wir hatten noch ein sehr angenehmes, längeres Gespräch und trennten uns vielleicht etwas nachdenklich, aber nicht unfroh. Sie gingen die Strasse hinunter zur nächsten Tür. Ich ins Haus zurück und es brauchte etwas länger, bis ich die Lektüre wieder aufnehmen konnte, denn meine Gedanken waren noch eine Weile bei dem Pärchen - es stand vor den Häusern - dann tauchte ich wieder ein in die geheimnisvolle Welt der Ägypter.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Kindertage ( Text zum Bild ) 2006


Eine weisse Spitze liegt auf einem Märchenbuch. Schüchterne Reinheit treibt sich um die feinen Maschen.
Noch hat der Reiher den Schnabel nicht gewetzt, kein Sträuben, kein Zucken und Zittern durch sein Gefieder.

Ein Oval liegt auf irgendeinem Tuch. Mal war’s ein flinkes Schiffchen. Dann schnitzten es zwei harte Hände und mit leisem Klirren? Kein Faden mehr, der dort zum Zeichen rinnt.

Der Reif wird sich an die Feder lehnen. Die schwarze Tinte wird das Leben nehmen und von der Nächsten schreiben, die dem Morgengrauen einen neuen Tag entnimmt.

Wie viele Stufen hat der Elfenbeinturm,
wie viele Zungen die Schlange um den Stempel der Ahnen,
wie viel Verwunschenes das Buch?

Als das Mädchen aufschaut, erhascht es durch die Scharten ein bisschen die Ferne.






   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:

Der Regisseur 13.03.06


„Ich hab die ganze Nacht geweint
warum warst du denn so gemein
mein Herz war still und schlief den Winterschlaf
es wachte auf mit Fieber als…

Ich hab die ganze Nacht geweint
warum lässt du mich nicht allein
denn ich verbrenne wenn ich liebe
und weiss am Ende wird Enttäuschung sein…“


aus “I Couldn’t Sleep A Wink Last Night”
( ges. von Marlene Dietrich)



Er hat nicht mal seinen Hut gelüftet, als er sie wieder sah. Denn das Bewegen des Armes, das Heben der Hand und das Greifen der Finger an die Hutkrempe wären zu viel gewesen.
Nicht weil sie ihm nicht würdig erschien. Nein, so weit dachte er nicht. Es war zu nichts Nutze, denn es war keine Bühne da und kein Stück, das den Gruss erforderte und Einleitung wäre zu seinem Spiel.

So schritt er vorbei. Nur sein gleichgültig erloschener Blick begegnete dem ihren.

Da erkannte sie den Part, den Tanz der verwirrten Seele, erbrach sein süsses Gift und an diesem Tag löschte sie die glühenden Lettern, mit der ihr die Rolle auf den Leib geschrieben war.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Nach einem Morgen im KKL 06.11.06


Aus einem geh ich in den anderen, abgewetzter Sohlen Striemen und ein wenig Seelenhauch lasse ich. Ein Ehrfurchtsflüstern bleibt in jedem Raum.

Höchstens?

Offenbar.

Während sie in Kaleidoskopen Kernsätze drehen, auf Halbmast wahre Pamphlete
verwehen, schält Allan Porter im Video die Zwiebel, stochert Thunfisch aus der Büchse.

Wenn sie im Sturm und Drang über Brachland schreiten,
vergeht ein Fingerzeig zur neuen Stunde, bis einer über Trümmersteine ihrer Tempel steigt?


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Adagio eines Zugvogels….. 6.9.09

Das Seufzen einer Violine ist das der Misshandelten aus dem Vogelfangturm und auf ihrer Reise wird es die Zugvögel in die Falle locken.

Stufe um Stufe senkt eine Orgel ihr Flöten tiefer in den Herzschlag und eine aufgehende Melodie beginnt über das Wehklagen im Turm zu triumphieren.

Aus dumpfen rhythmischen Schlägen der Bassgeige täuscht dieses fröhlich Steigende die Freiheit des Individuums vor und so bestimmt sich die Route des Ziehens und Wiederkehrens aus der Erinnerung.

„Amselweibchen, die nicht als singende Lockvögel eingesetzt werden können, befestigt man mit Fäden, Schnüren und Drähten an den Zweigen der Bäume, dass sie flattern und zappeln...“,
so werden sie zu Komplizen des Vogelfängers,
„ und erwecken durch ihr Geflatter, Gepiepse und Gezwitscher und dem einem heiteren
Tumult ähnlichen Lärm bei den herannahenden Zugvögeln den Eindruck eines sicheren Ortes“, schreibt G. Leutenegger in ihrem Buch.






   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Verlorenes Herz

Aus dem toten Winkel der Hoffnung
verloren,
die Blutspur zum Fluchtpunkt,
Rinnsal ins Schwarzblau dieser Nacht.

Im Mittelpunkt unserer Geschichte
fahndet ein Fixstern,
einmal
in Tausendundeiner
zum Feuerwerk entfacht.

Erinnerung nur noch im Tagtraum;
das ordinäre Rot der
Milliarden Vulkane, Kaskaden und Fontänen.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Epiphanie

Rauer Erde Raub; das Grauen einer Verbannung,
das Stammeln eines Bereitseins
für die unfruchtbarste Zeit.

Für einen Morgen nur, blitze
deine Sonnenklinge,
ringle eine helle Aureole
in diese gespaltene Nacht.

An einem Morgen nur
schnüre dein Sonnenband
was geblieben
und meine Hälften
versuchten sich zu einen,
so dass ich mit der einen durch die andere
dich wieder sähe.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Gestern hätte es einen Sprung gebraucht
heute einen winzigen Schritt.

Gestern hätte es eine Geste gebraucht
heute noch das Rühren eines Fingers.

Gestern hätte es dich gebraucht
jetzt noch eine flüchtige Berührung -

und die beflügelten Gedanken hätten
der Wirklichkeit getrotzt.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht von Erika Burkart
Text: Was das Schönste war

Der Perlmuttschimmer am Morgen
über den Bergen am Horizont,
die im Mittagsblau verlorene Sonne,
das Herzgrün der Moose auf Rinde und Stein.

Die unter Schatten tauchenden Wiesen,
klärten sich Farben zu Spätlicht,
zuckten im Aquamarin
Diamantsplitter erster Sterne.

Das Schönste war, dass ich dich,
das Licht und die Blumen,
die Liebe liebte
bis in den Tod.

Erika Burkart
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Amos Oz
Text:
Amos Oz schreibt in seinem Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002):

Und überhaupt sah und sehe ich, seit meinem Eintritt in unser literarisches und öffentliches Leben und bis zum heutigen Tag: Die eigentliche Grösse oder Kraft eines Schriftstellers liegt in seinem Pathos, seinem ständigen Kampf gegen alles Gewöhnliche und Übliche! Gewiss, eine schöne Geschichte und ein zartes Gedicht sind angenehme Dinge, die den Geist erfreuen, aber sie ergeben noch kein grosses Werk. Von einem grosses Werk verlangt das Volk, dass es eine Botschaft, eine Prophetie, eine neue, frische Weltanschauung enthält, und vor allem - dass das Werk eine moralische Vision aufzeigt -

Ein Werk ohne Pathos und ohne moralische Vision ist ja letzten Endes – im günstigsten Fall –etwas Ornamentales und Kunsthandwerkliches, das weder nutzt noch schadet….
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Das Bild von Vincent.

Ein Sonnenhaus, ein Garten
getrennt durch den Steinweg
und eine Pflanzung weisser Rosen in der Flucht.

Über rote Erde treibt es einen Menschen
aus dem Garten dem Haus zu
dessen Fenster nur Linien
und keine Öffnungen sind.
Durch das Dornenholz ginge sein Gang
weiter in den Steinfluss
zu meinem Auge, von meinem Auge - es wäre ein Ausweg -
weg von dem Haus und den Bäumen
unter denen zwei Opferbänke stehen
der kühlste und einsamste Ort ist
und eine Bank in meinem Inneren geruht hat
die andere es zum Baumgarten richtete
wo die Stammschatten sind
und ich kalt und pechschwarz erloschene Glut sehe.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Das Vögelein 4.6.08

Im frühen Lichtstrahl
blitzen Spitzen
meiner Gedanken

trotz aller Zeichen
einer Vergänglichkeit
habe ich Anfänge
noch nie so genau gesehen

Im Käfig hört sich
ein Vögelein piepsen

Narrengerede
mit dem eigenen Spiegelbild
führt
früher oder später
zum Aufstand

es reisst die Flügel auf
schärft den Schnabel und den Blick

und zum Erstflug
rüstet sich ein Adler
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Die Mutprobe 2 .3.2009

Glühwürmchen locken in dieser lauen Sommernacht, einzelne Lichtpunkte tanzen aus der mächtigen Baumsilhouette der Kastanie. Ein Kind greift um den kräftigen Stamm nach den Händen des anderen, ungewollte oder gewollte Umarmung, zwischen den Bäumen huschen schwarze Schatten im Versteckspiel über die Wiese, dasjenige mit den verbundenen Augen sitzt auf der Schaukel und zählt.

Krampfhaft hält das Mädchen die Gliederkette und mit kräftigem Schwung und zum Mut angefeuert, gewinnt es schnell an Höhe, sein Röckchen flattert bunt unter der Blätterkuppel, und im Aufwind gleitet es durch den Kronenschatten ins Sonnenlicht. Wenn es nicht wieder käme, würde dann ein anderes die Mutprobe gewinnen?

Drüben in der Promenade heult eine Motorsäge auf.
Ich öffne das Fenster und das Vorfenster, die eisige Winterluft durch die Hyazinthen verschlägt mir für einen Moment den Atem und an meinem grauen kahlen Hünen die Arbeiter bei ihrem Zerstörungswerk.
Im Crescendo von Samuel Barbers „Adagio for Strings“ strauchelt der verletzte Held, fällt, bäumt sich nochmals auf, im Diminuendo bleibt er liegen.

Ich drücke ein weiteres Mal auf die Play-Taste. Tief und dumpf setzen Barbers Geigen ein, ihrem Grundthema entsteigt eine wehmütige Melodie, die das Mädchen höher und höher trägt, schwerelos gleitet es im Crescendo durch das Pflanzengeflecht zur Grenze - der Amplitude.

Still ist es jetzt – Zeitlupen-Zeit.
Langsam löst das Mädchen die Hände von der Kette und springt.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Ein anderes Märchen 12.3.08

Solche Gefühle
geben
nur
Zerreissproben
eines eigenen Selbst
den Säbel
für das
Dornengestrüpp

seh
in einem Luftschloss
einen Januskopf
verloren

gespitzte Mitleidslippen
küssen
höchstens
zum Tagtraum
andere
hätten vielleicht ins Leben.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Perle 28.11.08

Sie ist Geliebte
sie ist der schlummernde Embryo im Muscheluterus
sie ist ein Zeichen der Liebe zu Gott.

Sie ist das Symbol
für Reichtum
für Reinheit
für Würde
für Weisheit und Glück.

Ich habe gelesen:

D i e P e r l e e n t s t e h t a u s e i n e r V e r l e t z u n g.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedanken 15.02.2005
Text: Heute lese ich in dem Buch, (“Kreativität ein moderner Mythos“ von Urs Mehlin) das unter anderem dem Ursprung von Kunstwerk und Kunstschaffen nachgeht.
Wenn ich es recht verstanden habe, spielt der Autor am Anfang des Buches mit dem Gedanken, den Künstler mit Prometheus in Verbindung zu bringen, der den Göttern das nur ihnen Zugehörige, nämlich das Feuer raubte und dafür hart bestraft wurde. Und ist so, nicht der passive „Adam“ der Welt-Schuldige, sondern in der Metapher des Prometheus, eher der Künstler, der sich aktiv gegen das verlorene Paradies auflehnt und in seinem Schaffen das Verlorene trotzig aus sich heraus reproduzieren möchte?

Der Autor schreibt später:
„Der Künstler aber ist, im Gegensatz zum Gläubigen, nicht der vertrauend Hingegebene, Wartende und Hoffende, er ist derjenige, der in seinem Innern und aus seinem Innern heraus das Geahnte, das Wesentliche, das Vermisste im Symbol seines Werks schafft.“

Meines Erachtens wartet und hofft ein solcher Künstler - wie der Gläubige auch - und das Suchen in ihm selbst hat nichts mit menschlicher Selbstüberhebung, Selbstherrlichkeit oder Narzissmus zu tun.
Er wartet und hofft aber auf anderem Wege. Vielleicht taucht er in die Tiefe, ins Innere hinab, weil er immanent die Quelle seines Schaffens spürt, diese Quelle als “das Geheimnis“. Und er vertraut auf sie, gibt sich ihr hin, wie der Gläubige. Er weiss, dass diese Quelle, ihn als Künstler laben aber auch verdorren lassen kann.

Vielleicht ist die treibende Kraft eines solchen Künstlers, der aus sich heraus schafft und diesen Prozess manchmal auch intensiv körperlich zu spüren vermag, eher eine Sehnsucht. Vielleicht ist der Schaffensdrang eine Analogie der fliessenden Quelle, eine immer wiederkehrende Bestätigung, ein stetiges Zeichen, das der „Gläubige“ eher in “Heiligen Schriften“ zu finden hofft?

Ich glaube, eine besondere Kraft in den Künsten zu erleben. Gerade vor ein paar Tagen, als mir das Requiem von Verdi wieder Lebensgeister gab und etwas vorher, als mich ein Text anzuhalten vermochte. Aber vielleicht liegt es gar nicht nur am Werk selber, sondern an meiner Bereitschaft, es dort zu erleben, dort „heil“ zu werden, wie andere in der Natur und andere in einer Kirche.

Nachdem ich diesen Text geschrieben habe, sagte ich zu meinem Gesprächspartner:
„Einiges erscheint mir schlussendlich doch voll Widerspruch! Soll ich diesen Text nicht lieber wieder löschen? Und überhaupt, eigentlich kann man nur über Künstler auf diese Art und Weise schreiben( ich meine den Buchautor), wenn man etwas Metaphysisches als Voraussetzung nimmt.“

Er wirft die Frage in den Raum:
„Kann einer der nichts glaubt überhaupt Kunst machen?“
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Wollte ich….. 23.02.07

die Weisheit sein
dich finden
auf verlorenem Weg

wollte ich
ein Universum sein
dich umfangen
bis da wo du bist

wollte ich
eine Windrose sein
sturmfest
an deinem Kreuz

sei nur eine kleine Algenblüte

sagst du mir

ein wenig Meeresleuchten
aus den grossen Stromwirbeln
der Ozeane.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:

Das neue Herz 1.4.08

Schaudert doch
leisestes Pochen
eines Sinkenden
von Stunde zu Stunde
zum Donnern.

Wie rasch
dieses Erkennen
ein Vermeintliches flutet.

Arche;
auch unsere Zeit
machte aus Ebenholz
keine.

Treib
ein letztes Mal
in solcher Sturmnacht

fass mir ein Herz

rasendes Schwemmholz
nimmt mich in seine Kammern.























   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Wie eine Welle 29.10.08

Im Erahnen deines Wesens
im Wähnen einer Eruption
zieht sich
durch meine Räume ein Zwiespalt.

Wie das Verklingen eines Ave Maria
ebnet sich die Welle
um im Crescendo eines Tanzes
durch diese Zone zu quellen;

Wandelbare Ebbe, wandelbare Flut.

Mit der Kraft eines Lebens spür ich mich strömen
spür ich mich brechen
seh ich mich kehren

und immer wieder der Versuch
mich deinen Ufern zu nähern.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Augen 7.8.08

meine Augen auf dem Foto sind mir fremd
auf dem Foto sind mir meine Augen fremd
sind mir meine Augen auf dem Foto fremd?
sind mir auf dem Foto meine Augen fremd?
fremd auf dem Foto sind mir meine Augen

meine Augen durchschauen
ich bin befremdet

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Seit Tagen Regen 24.9.09

Wasserringe zucken
zu fahlen Kindergesichtchen.
Perlmutfarben treiben
Rosenketten im Kreis.

Wassersterne drehen sich
zum Orakelauge,
schillernd und schimmernd
fallen Perlen zum Stirnschmuck einer Nymphe.

Im Algenreigen schweigend
im Röhricht verstummt, unter
Schwimmblatt an Schwimmblatt
ihre weisse Blösse.

Ich wate in triefendem Wiesland,
unter meinen Füssen ertrunkener Weissklee
dumpf und hohl erfasst mich
ein Murmeln und Gurgeln

im Schlick die Spur einer unteilbaren Schwere.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: „Was wir lieben, wird zum Geheimnis“ (E.B.) 25.3.09

Im ersten Morgenlicht, manchmal beim Einnachten, begegnet sie mir, in diesen Zeiten der Übergänge winkt sie mir zu und führt mich über die bekannten Moorpfade, die feinen Netze, gewoben aus ihrem silbrigweissen Haar, die sie über unsicheren Grund gelegt hat.
Ihrem erstaunten, seherischen Blick folge ich wie ein Kind, verzaubert von der Schönheit, die sich ewig in den Zügen der Dichterin verwoben hat.

Meistens abends, wenn das Licht eines vergehenden Tages die nötige Ruhe auszuströmen beginnt, lese ich im Buch ein paar Abschnitte und wenn ich kein Buchzeichen eingelegt habe, ist irgendwo ein Wiederbeginn, der bei diesen Texten und Gedichten in besonderer Weise immer wieder möglich ist. Mehr als drei, vier sind es aber nicht. Denn allen ist so ein starker Impuls eigen, dem erst Kanäle geöffnet werden müssen, um einer Gedankenflut auch ein Abfliessen zu sichern.

Von einer Tante, die ganz in ihrer Nähe wohnt, bekam ich die Adresse der Dichterin, sie sei aber schon sehr alt, meint sie, bittet sie um Schonung? Ihre Postkarte dient als Lesezeichen im Buch und erinnert mich immer wieder an mein Vorhaben.

Der angelegte und trotzdem verwunschene Garten ist mir im Aufblühen, in der Reife und auch in der Erstarrung unter der Schneedecke vertraut. Das verborgene Haus, eine ehemalige Sommerresidenz der Äbte des in der Nähe gelegenen Klosters, liegt auf einer Wasserscheide zwischen zwei Tälern.
Ich weiss nicht, ob an der Tür ein Klopfer oder eine Klingel ist. Vielleicht steht die Zauberin auch irgendwo unter den Bäumen in den Osternarzissen und hat mich schon längst entdeckt. Winkt sie mir jetzt zu und geht vor ins Haus?

Über knarrende Stufen gelange ich in ein gemütliches von mildem Licht durchflutetes Zimmer. Letzte Sonnenstrahlen des vergehenden Frühlingstages streifen die bläuliche Vase am Fenster und das verirrte Licht bricht in einer gefüllten Glaskugel zu einem diaphanen Farbenschleier.
Westsicht - Südsicht. Ihre Zeiten sind mir bekannt. Auch der Moorgeruch, der Torf. Die späten Herbststürme mit ihren nackten Baumhünen, im Nebel zu zarten, zerbrechlichen Gestalten mutiert.

Sie steht am Fenster zum Garten, ihr Blick ist abgewandt, weil sie nicht sehen muss um zu sehen. Ich ringe nach ersten Worten. Die schon lange zurecht gelegten Fragen verlieren im Augenblick der Begegnung ihre Bedeutung und Wichtigkeit.
Als hätte sie mein Verstummen aus den Gedanken gerissen, setzt sie sich an den Tisch und nimmt ihre Schreibarbeit auf. Ein leises Kratzen, ein etwas härteres Aufsetzen beim Wortanfang, bei einem Zeichen und ihr manchmal tieferes Einatmen nach einer längeren Zeile fügen sich geheimnisvoll in die Stille.





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:

Der Brief 19.12.07

Farbe und Form unbekannt
kein Vorzeichen
übergegangen
in Haut und Haar

laut
das Innerweltliche
dieser Schrift

geritzt
in Pergamenthaut
gekerbt
in die Lederhaut

atemlos gerannt
in der Zeit
einer Welt umrundenden Hoffnung

durch das Wachsohr
taumelnd
die Gänge
zurück.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Die Blume 11.5.07


In Vergessenheit der Pflanzzeit,
erwartungslos ihrer Blüte
entdeckt,
zucken meine Lider
hundertfach geprobt
zwischen Tag und Nachttraum.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Der Satz 24.5.07

Müde geworden,
zerbrechlich gläsern
auf der Suche nach
dem einen Satz.

Weiss ich doch zu viele
um zu verlieren,
keinen um zu halten.

Nimm meine Hände,
drück mich wie einst in
deiner,
meiner
Bestimmung
lautlosen Zeit.





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Morgensonne 19.6.07

Durch nasse Jalousienritzen
scheucht sie den Nachtstaub.
Aus taufrischer Stille
weckt mich ihr Kitzeln
täuschender Wärme.

Als treibe sie ein neckisches Spiel,
schickt sie den Sternstrahl
und folgt mir
von einer Seite zur anderen.

Lass mich noch ein bisschen,
murmle ich ihr,
auch das Verpuppte hat seine Zeit.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: 21.12.06

Balalaikaklänge
durch die Tundra
woher das wirbeln
worüber das hüpfen
durch schwere Erde
eisig eben erstarrt
ziehen Rhythmen doch streng.

Enger die Käfer
Falter mit Maskengesichtern
aus dem Buch des Dichters
kriechen mir
radierte Fliegen
entgegen.

Einer erinnert mich an Kafkas Gregor
einer geschlagen an das Kreuz

und eine trägt träge am Leib;

in ein paar Tagen ist Weihnachten
und ich suche verzweifelt Weite
für jene mit den zwei Flügeln.

-
Balllalaikaklänge
um Sterne wirbeln
Türme zwirbeln
wilde Rhythmen
verknüpfen
dich
mich
in diese
finstere
Nacht.

-
Morgen ist Weihnachten
und einmal hiess es
aus ihr wird er
kommen!

(CD der Kosakengruppe SABAWA)





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Verwandlung

Wenn es dein Leben verändern würde,
suchte ich den Nachteingang,
spülte mich bewegtes Meer
auf deinen Höhlengrund.

Wenn es dein Leben verändern würde,
wandelte ich mich zum Südwind,
entfachte weit getragene Gluten.

Bist du sicher, dass
Hoffnungsschimmer
ewig
als warmes Höhlenlicht hängt,
ein flammendes Herz als Votiv.

Vielleicht sind morgen
die Wasser still
und nur noch träge,
Flauten überziehen längst ihre Zeit.
Vielleicht verbleiben Wünsche unerfüllt
und die Leeren auch.





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Fluss - Landschaft 14.11.06

Meinst du dass ich einfach da bin
zufällig
zwischen diesen Hügelzügen
ausgetrocknet spröde
brüchig gewordener Grund

meinst du dass ich
auf den Regen warte
der mich benetzt
der mir ein
Rauschen
ankündigt
das ich fast vergessen habe.

Vielleicht bist es auch du
auf der Suche
nach einem seichten Lauf
willst dich wie ein Dieb
in mein Bett stehlen

ein bisschen
durchwandern
durchmäandern
ein bisschen die Landschaft bestaunen
nicht mal ganz ein Fotohalt auf deiner Reise
(das kannst du ja nicht)

Mein Lieber!
du vergisst die Zeit
jetzt
wo sie schon morgen
aus den Himmeln die Sintflut lässt

und du
reissend
in meine Auenwälder
gewaltig
wie ein Konquistador mit seiner Machete
durch dornige Dickichte
dringst.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Die Bahnhofsbank 15.7.07

Am Tag der Ort der Wartenden,
in der Dämmerung der Frau.
Gestrichene Farbe
blättert rot.

Im Streiflicht des Nachtzuges,
der streunende Hund
im Fieber eines Freienden.

Einst wollte sie sich setzen
und sah das Schild: frisch gestrichen



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Riesenkerbel 9.7.07

Am Wegkreuz
die Riesenkerbel.

Rosarote Dolden
wie Geschwüre
im Milchhimmel,
gefurchte Arme,
Schlagbäume
zwischen hier und dort.

Wer sich umschaut,
glaubt
im Zwielicht verwoben
Blüten der Salzmelden.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Der Plastiker

Eisflüssen
ist die Fieberhand gefolgt,
Karsttälern eine andere.

Nahe Ungestilltem
glätten sie die Hügel,
Überworfenes
einer gestörten Schicht.

Gehalten, gewärmt
das fröstelnde Herz,

getragen
das dürstende
zu den Quellböden
vergessener Legenden.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Dornenrosen 1.6.07

Wie wunderbar
sie sich drehen und drehen
im Kreise magischer Omen.

Wie sonderbar
sie sich irren
am Wegkreuz
zum irdischen Glück.

Vor offener Kammer
der lodernde Dornbusch.
Seit Äonen
fallen erste Steine
auf wach geküsste Rosen.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Nur mit dir 20.7.07

Zusammen
dicht
dichter
heiss
heisser werden

Urknall!
Feuerball!

ins All
Milliarden Sterne
schleudern

das Herz auf neue Erde legen
den Kopf in frisches Gras

alles was fremd ist
alles was sich öffnet
alles was sich schliesst

alles nur mit dir.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: die verlorenen Jahre 29.7.07

Westwärts sehen
und nicht irren
am Fallen
eines Regentropfens
am Flügelschlag
einer neugierigen Meise.

Ich nahm es mir vor.

Du bist
kein Augenblicksflecken
in der Lücke des
Cotoneasters

kein Irrlicht
während ersten Worten
meines Vaterunsers.

Dort
am triefend roten Narbenholz
- ich liess es fällen-

zähltest du Ring um Ring



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Aus dem Meer 19.10.07

Goldschmuck um die Stirn
jener Meergrundfrauen
dessen Wellen
in Teilen
über Nachtstufen
steigend
ungezählt
von da bis da
als Urlicht
im Phylum
zur Garbe
gebunden
Flugsamen
von Schwelle zu Schwelle
wie Wildgänse
an ungestillten Horizonten
ihre Nistplätze suchend.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Putztag 12.12.2004
Text: Beim Staubwischen der Gegenstände auf dem Klavier nehme ich die Vase, poliere die Figur aus Keramik und möchte gerade das Saugrohr an die eine Hälfte des Steines aus Brasilien setzen, als ich in der Aushöhlung einen kleinen Falter entdecke.

Er liegt so fragil in seiner Starre, sein Leib schmerzlich gekrümmt und die spröden und verblassten Flügel sind in eine Vertiefung gelegt. Er liegt bedeutungslos da und in einer solchen Unscheinbarkeit, dass ich mich frage, ob er wohl in seiner kurzen Flugzeit unter den prächtigen Faltern einmal anders war.

Etwas hatte ihn beflügelt, denke ich, vielleicht mit dem letzten Flattern diese Grotte zu finden, von deren Wänden, wie Weihnachtsglitzer, der Tau tropft und die Kristalle jetzt das Morgenlicht zaghaft zu brechen beginnen und ganz hinten, sich die bläulich schimmernde Auskleidung in einen Ruheort verwandelt, wo sein Köpfchen liegt und die gelblichweissen Fühler, sich haarfein und neckisch vor dem wachsenden Schattenreich ringeln.
Dieses Etwas, von dem die Unscheinbaren ein besonderes Wissen zu haben scheinen, weil es sich verankert hat in ihren Sehnsüchten und in ihrem Tun und indem sie sich letztendlich finden können, weil sie der eine unabdingbare Teil dessen sind.

„Komm mal mit. Ich möchte dir etwas zeigen.“
Er folgt mir zum Klavier, wo ich stumm auf den blauen Stein zeige.
„Schön, nicht wahr“, sagt er. „ich habe den Falter gefunden und in die Kristallhöhle gelegt.“

So endet meine Geschichte ganz abrupt, aber es beginnt eine neue, denn ich stelle mir vor, wie er mit seinen Händen sachte das vergilbte Ding vom Boden nahm, mit welcher Sorgfalt er das Wesen bettete, und wie er spürte, dass es bei jeder unachtsamen Berührung zu Staub zerfallen würde.
.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Aussichten l5.9.04

Jetzt sollte er kommen, es ist Zeit, sonst sind wir zu spät.

Sie drückt auf den Knopf des CD Players und wartet. Lass es geschehen, alles ist gut, so wie es ist, lass es geschehen auch wenn du dir nicht sicher bist, singt Juliane Werding auf ihrer neuen CD.

Wo bleibt er nur?

Sie beobachtet, wie der Regen auf die Windschutzscheibe prasselt, wie die Tropfen abwärts kriechend langsam die Sicht verhängen. Draussen gerät alles in Bewegung. Die Wiese der Lebhag der Weg das Blätterwerk des Apfelbaumes fliessen in die Abstraktion. Nur im Vordergrund trotzen die Johannisbeerstauden dem Geschehen. Mit ihren kurzwellig reckenden Ästen widerstehen sie noch dem Wasser, das nun nach und nach, wie eine Uferböschung mitnehmend, auch diese letzten Grenzen verwischt.
Vor ihr zuckt eine Welt und erschlafft im Rhythmus der fallenden Tropfen, eine Welt, durch die sie gehen kann aber nirgends mehr entlang? Die Welt von morgen?

Die Tür geht auf. Er setzt sich neben sie ans Steuer. Sie erschreckt ein bisschen, als er die Scheibenwischer in Gang setzt und diese mit einem “Klick“ das Bild aufwischen.

„Alles Klar?“ fragt er sie, „können wir fahren!“
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Weißt Du? 18.8.05


Es kam einmal ein Vogel, der liess sich nieder auf dem Anger vor der Hauptstadt von Lu. Der Fürst von Lu hatte eine Freude an ihm und brachte Schlachtopfer dar, um ihn zu füttern, und liess herrliche Musik machen, um ihn zu ergötzen. Aber der Vogel wurde traurig und blickte ins Leere. Er ass und trank nicht. „Das“, meinte der Weise „kommt davon, wenn man einen Vogel hegen will nach seinem eigenen Geschmack. Will man einen Vogel hegen nach dem Geschmack des Vogels, so muss man ihn nisten lassen in tiefen Wäldern man muss ihn schwimmen lassen auf Flüssen und Seen, ihn fressen lassen nach seinem Belieben und ihn frei lassen auf der Ebene.“
So erzählte Dschuang Dsi in einer seiner Parabeln.


Und Du? Lockst mich mit einem goldnen Federkleid. Schenkst mir Gesänge, die wie Perlen trudeln.
Damit ich näher komme.

Weißt Du? Dass ich leicht bin vor den Raben auf der Flucht. Schwirre über trüben Wassern, wenn ich suche. Bunt bin und leise tripple im Unterholz.

Hörst Du? Dass ich krächze, wenn ich warne. Schluchze, trillere wie die Flöte und schmettere vor Lebenslust.

An den Perlen würde ich ersticken und in deinem Kleide würde ich zur Beute.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Sonntagmorgen 13.05.05

Er stiess die schwere Holztür gerade so weit auf, dass sich beide Körper nacheinander hineinzwängen konnten, und sie schnell wieder mit einem lautlosen Ruck zurückfiel und das Drinnen und das Draussen getrennt blieben als ob nichts eindringen und nichts ausströmen dürfte.

Sie stellten die Regenschirme in eine Ecke, und setzten sich in die letzte Bank. Vorne knieten noch ein paar Padres die dann einer nach dem anderen die Kirche verliessen. Die Messe war vorüber und die Luft lag dick über dem Altar. Die Apsis hielt den Weihrauch noch gefangen der sich nach und nach wie ein warmer Nebel verzog und die Seitenaltare zu verhüllen begann und das fahle Licht aus dem Reliquienschrein ein mystisches Bild schuf. Die Luft war getränkt von Wünschen und von Gebeten, sie war verbraucht von den Verzweifelten und Hoffenden und von den einfach Glücklichen.

Il ragazzo ……. sta male…….. il cuore…..
Sie stiegen gerade die Stufen hinunter, als sie an dem Sonntagmorgen diese Worte einholten. Zum See hinunter wo sie einen schönen Tag verbringen wollten, als der Helfer vor der öffentlichen Toilette auf und ab ging, sein Handy krampfhaft ans Ohr gedrückt die Situation schilderte und ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte. An dem Ort um den sie sonst einen Bogen machten oder die Seite wegen der üblen Gerüche wechselten stand er und avisierte die Ambulanz.

Il ragazzo… il cuore….
Sie atmete jetzt schwer und kniete in die Bank. Seinen Kopf an die kalten Kacheln gelehnt die schwarzen Haare wirr im Gesicht. Die Blässe umgeben von Flüchen und obszönen Sprüchen der Ohnmächtigen die ihre Spuren an den Wänden hinterlassen wollen.
Il ragazzo…
Herr, faltete sie ihre Hände. Herr, wir sind nicht würdig, dass Du eingehst unter unser Dach, aber sprich nur ein Wort so wird unsere …..
Sie stand auf, zog entschieden die schwere Türe weit auf und liess die frische Luft die vom See herüber wehte hereinströmen und dann schritten sie den Parkanlagen entgegen wo die kräftigen Farben des Rhododendrons wild im Regen flackerten.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Das Fremde l7.5.05

Es ging die Rolltreppe runter an den Schliessfächern vorbei, mit einem Sprung über unappetitliche Überreste der letzten Nacht und wieder die Treppe hoch, bis wir aus dem Bahnhofsareal waren. Ich schaute hoch, als wir die letzten Tritte noch hinauf sprangen, um so schnell wie möglich, wieder frische Luft einatmen zu können, ordnete die etwas durcheinander geratenen vollen Tüten des „Aperto“, wo wir so spät noch für das morgige Frühstück eingekauft hatten, als ich etwa zehn Meter vor mir eine Gruppe von Männern gewahrte, herumstehend, laut und unbeschwert diskutierend, die aber ausgerechnet den Zugang zur Strasse versperrten. Es waren junge, attraktive Männer, möglicherweise aus Algerien stammend, gut gelaunt und trotzdem schärften sich meine Sinne augenblicklich und ich ertappte mich bei den Überlegungen, wie da wohl „strategisch“ am besten vorbei zu kommen sei.
Unsicher gab ich einen Kontrollblick zu meinem Begleiter hin, ob er mir auch folge und ging dann voran, mitten durch die Leute hindurch. Es war mir nicht wohl bei der Sache und so gab ich ein verhaltenes aber bewusst freundlich-süsses „Grüäzi“ von mir, da mir in diesem Moment alle italienischen Grusswörter entfielen. Vorsichtig und gefasst, musterte ich die Gesichter und bemerkte, dass ich erst durch diesen Gruss, ihre Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatte.

Sie waren sichtlich erstaunt, vielleicht auch etwas befremdet, hielten inne und es war ganz still geworden, bis uns dann einer ein freudiges „Ciao“ nachrief und die anderen einstimmten. Eine Weile spürte ich ihre Blicke im Rücken, während wir den Gleisen entlang gingen, bis zum Tor, das wir im Schein eines vorbeibrausenden Nachtzuges ring aufschliessen konnten.

Noch das warme, herzliche „Ciao“ der Männer in den Ohren, stiegen wir den Kiesweg zum Haus hinauf. Ich fühlte mich verknöchert und starr, wie das Glyzinenholz neben mir, das sich Halt suchend, um die Gitterstäbe des Hages flechtet, der die Grenze zwischen dem Park und den Gleisen markiert. Ich schämte mich und es tat mir weh, weil die Männer sich freuten über diesen Gruss.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zum Bild “Die Erinnernden“ 25.10.04

Ich habe das Bild vergessen, das bei mir war, bereit zu erzählen und ausgetragen in jenem Moment.

Ich habe den Augenblick nicht festgehalten in dem die Geschichte mich auszufüllen begann, wie sich ausbreitende Ringe um ein geworfenes Stück Holz, das aufs Wasser trifft.

Ich habe jenen Moment versäumt, wo die Hände gewusst hätten, zu welcher Farbe sie greifen, wo sie gewusst hätten den Strichen die Richtung, den Dingen den Ort zu geben, um jenes zu erzählen, so selbstverständlich und sicher, wie nachts die Träume, gründlich und eigen.

Nun sitze ich da, mische Farbe um Farbe, Strich um Strich,
möchte mich erinnern,
irrend, verhindernd, krampfhaft und ohne Geduld.
Das sind doch meine Hände, meine Augen, dieselben Stifte und da das Schneidezeug. Alles so wie gestern. Es kann doch nicht sein, dass von gestern auf heute alles anders geworden ist!
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Die Farbstiftschachtel 7.10.04

Sie öffnet die neue Schachtel, legt den Deckel nach hinten und durch die kaum spürbare Zugluft schwebt ihr ein vertrauter Geruch von Holz und Farben entgegen.

Damals gefiel ihr der Anblick der schlanken Stifte mit der feinen Goldschrift ganz besonders. Nach dem Malen hatte sie Spass, sie wieder in der originalen Reihenfolge, in den Farben des Regenbogens einzuordnen und je nach Grösse der Schachtel brauchte es mehr oder weniger Fleiss, sich dieses Bild zu merken.
Mit zunehmendem Gebrauch nahm diese Lust merklich ab, vielleicht, weil die ungleich gewordenen Längen die Harmonie zu stören begannen oder weil mit der Zeit, an den Enden Kauspuren von Kinderzähnen hinzukamen und sie keine Chance mehr sah, den ursprünglich empfundenen Einklang wieder herzustellen.
Natürlich machte sie sich damals solche Gedanken nicht. Es wurde ihr einfach gleichgültiger und mit der Zeit, landeten die gebrauchten Stifte in einer Kartonschachtel zusammen mit früheren Überbleibseln.

Ganz kurz, für einen Augenblick nur, verspürt sie die Lust oder das Verlangen, es gleich zu tun, wie damals in den Kindertagen; sie legt Stift um Stift in die Schachtel zurück, gerade so, wie sie es für richtig hält, neugierig, ob sie dies noch kann.

Bis auf ein paar verwechselte feinste Farbnuancen gelingt es ihr. Sie ist erstaunt und hat den Eindruck, dass sie dabei nicht das gute Gedächtnis geleitet hat, eher ist da ein Gefühl der Vertrautheit gewesen, des Drinnseins im Geschehen, als ob inzwischen gar keine Zeit verstrichen wäre.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Zwei Welten 22.10.07

Nicht die kleinste Geste
nicht einmal ein kurzes Winken
kein Augenzwinkern
kein voller Atemzug ist

wenn wir uns begegnen.

Wüsste ich
wie sie riecht
wie sie rieselt
wie sie klumpt
wie sie bricht

wie deine Erde
aufnimmt

ahnte ich
die Drehzahl
und mit der Zeit
den Moment
deines Wachseins.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Sternennacht 22.9.04

Wir klopften an die Türe und traten leise ein.
Sie stand mitten im Zimmer, dort, wo eigentlich das zweite Bett stehen würde. Sie stand da, als ob sie schon länger in dieser Position verharrte, erwartend, dass irgendwann irgendwer anklopft.
„Ah ihr seid es!“ rief sie uns entgegen, „ich habe doch gesagt, dass ihr heute nicht zu kommen braucht!“
„Er ist selbst gebacken und die Mirabellen sind von unserem Baum.“
Sorgsam nahm sie den Teller, setzte sich ans Tischchen. Sie wirkte glücklich als sie dann mit grosser Lust den Kuchen rübis und stübis aufass.

Da war eine Klarheit und Reinheit am Himmel. Nur ein nebliges Band von Milliarden von Lichtpunkten zog am Himmelsgewölbe dahin. Rund um ein Funkeln und Glitzern, das reichte um den Weg zum Haus hin zu erhellen.
„Gestern Abend haben wir einen Sternenhimmel gesehen, von einer Klarheit, wie ein Himmel aus Tausendundeine Nacht. So etwas haben wir noch selten erlebt.“
„Ich hatte ihn auch gesehen, von meinem Bett aus“, sagte sie und pickte die letzten Kuchenkrümel von Teller auf. “Das heisst, ein kleines bisschen durch das Fenster. Ich glaubte, ein Sternbild zu erkennen und fragte die Krankenschwester nach dem Namen.“

Ja, dachte ich, erinnernd an die letzte Nacht, die Namen, wir fragen nach den Namen als ob der Anblick nicht genüge. Sind da die Namen nicht beliebig und auswechselbar zu jeder Zeit?
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Freundinnen 15.11.07

Vor deiner Haustür
bin ich gestanden
im ersten selbst genähten Kleid
über dem Knie
eine Blumenwiese
ein bisschen ins Türkis
die zugezogene Taille
weisse Schmetterlinge
um rote Bänder
ihre Flügel gebreitet auf sanften Hügeln.

Im Haus
hörte ich euch
lachen.

Vor deiner Haustür
bin ich gestanden
aus Allerleirauh
mein schweres Kleid
und im Kopf
einen Prinzen.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:
Vorboten l9.8.04

Eigentlich ist es Zeit, für einen neuen Tagebucheintrag. Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, aber nichts kommt mir in den Sinn.
Oder doch?
Wenn ich jetzt an diesem Spätsommernachmittag auf die Hügel gehe und die Herbstzeitlosen sehe, kann ich schreiben, ganz bestimmt.
Ich würde die blassen violetten Blütenkronen erwähnen, die milchigweissen Röhrchen, die mich ans Porzellan meiner Grossmutter erinnern, und das feuchte Gras, aus dem sie sich nach dem Licht strecken.

Also mache ich mich auf den Weg und halte Ausschau. In den Hängen zirpen die Grillen und am Himmel zieht kreischend ein Vogel seine Runden.

Es ist gut so, dass ich nicht eine einzige Blume entdeckte. Vielleicht war ich auch nicht aufmerksam genug, dachte ich später, als ich wieder zu Hause war, weil ich wusste, dass ich heute die Zwiebelknolle nicht erwähnt hätte, die sich vielleicht mühsam im fremden Wurzelreich eingenistet hat. Ich hätte die Geduld vergessen, mit der sich die Kraft darin zurückzieht, um zu gegebener Zeit wieder zu ihrer Form zu finden.
Und vor allem hätte ich am heutigen Tag vom Gefühl nicht erzählen können, vom wehmütig herbstlichen, wenn mich diese seidigzarten Vorboten überraschen.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:

Zum Bild “Sternenmädchen III“ 24.8.04

Du hast dich eingeschlichen ins Bild “der Reigen“. Stumm und mit einem Blick!

„Ich bin da“, meine ich dich zu hören, „sieh mich an!“

„Was soll ich sehen fremdes Kind, du hältst mich fern mit deinem Blick. Ich kann darin nicht lesen.“

Du hast dich wieder eingeschlichen ins neueste Bild. Stumm und ohne Blick. Zwischen die Bäume hab ich deine Silhouette geschnitten. Dein Köpfchen leicht geneigt, die Arme hinter deinem Leib verschränkt.

„Ich bin da“, meine ich dich zu hören, „sieh mich an!“

Jetzt sehe ich, du leuchtest wie ein Stern. „Hab noch ein wenig Geduld, kleines Sternenmädchen!“
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:

Magische Nacht l3.8.04

Gestern Nacht habe sie ganz deutlich den eisigen Hauch gespürt, als sie Stunden um Stunden wach lag.
Eine magische Nacht?

Er glaube nicht daran, habe er ihr gesagt, dies sei hirnphysiologisch im Wach- und Traumzustand erklärbar. Er weiss sogar den Namen. Allerdings, räumt er ein, vernichte man sich mit solchen nüchternen Überzeugungen die Hoffnung auf ein Weiterleben danach. Der Mensch habe eigentlich Angst vor dem absoluten Nichts.

Angst vor dem Nichts?
Angst vor der ewigen Ruhe?
NEIN! Die Hoffnung stirbt eher im Jetzt. Da ist das Leiden, das Leiden der Menschen, das unsägliche Leiden in der Menschengeschichte……

Sie habe ganz deutlich den eisigen Hauch gespürt, tief drinnen, als sie darüber nachdachte.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Die Baumnuss 9.8.04

Mit einem Ästchen zerstupfe ich mit kräftigen Bewegungen das hartgrüne Fruchtgehäuse.
Er schaut interessiert zu, wie ich nach und nach die Frucht freilege.
„Baumnuss noch nicht reif!“ wiederholt er wie ein Echo meine Worte.

Eine hängt noch am Ast. Eine Nuss löst sich und fällt zu Boden. So wollte ich es, vor vier Jahren, als ich das „Stilleben“ schnitt und malte.

Heute betrachte ich das Bild und sehe sie.
Wie in eine Bahn geworfen umkreist die Nuss die reife Mango. Die Frucht die fallen sollte schwebt, gehalten von unsichtbarer Kraft.

Bist auch du so ein Schwebender? Ein in der Bahn Kreisender? Würde der Kosmos ins Chaos zerfallen, ohne dich?
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Januar Impression 7.1.08

Über dampfendem Flusslauf
sinniert der aufbrechende Tag
einen Atemzug früher lernen
die Schatten das Schweigen

klirrend klar
rau und reif
glitzert Kristallschmuck
in Auen zum Märchen

silbrig gar
mäandert der Eisfluss
zur Mündung
ist sein ganzes Wollen

im Sinkflug
kreischen die Möwen
mit ihnen
im Wettlauf
zwei Schwäne
sich streitig
des Stückchens
harten Brotes.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Von allerlei Melodien 3. 4. 07


Ich fragte mich, was ich von dieser Geschichte noch weiss.

Ich fragte mich, wessen Kinder es waren, die folgten.

Ja, ich fragte mich, ob das Flötenspiel gar ein Duett war, und ein kleiner Trommler vielleicht vor oder hinter dem Rattenfänger ging.


Szenenwechsel:

An einem Frühlingsmorgen zog ein Musikant über saftige Wiesen. In seiner Spur wucherte Wolfsmilch, Herbstzeitlosen öffneten sich vor ihrer Zeit. In den erwachenden Himmel krallten sich Ahorne und gebückte Weiden säumten eine schreitende Schar. Die Männer folgten dem Fremden und zerstampften Flurland und eigene Saat.
Keiner erkannte den Trommler, keiner ahnte am Horizont und keiner roch in den feurigen Wirbel verbranntes Menschenherz.


Szenenwechsel ins Nirgendwo:

Hört ihr jetzt auch diese liebliche Melodie?
Ist niemand da, der mich vom Mast bindet?
Ist denn niemand da, der mich zur Nebelinsel bringt?

Schreie aus Ohnmacht!
Weine aus Leid!
Zerreiss deine Stricke im Zorn,
rief einer,
der sich auskannte,
und du wirst sie nie mehr hören!
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:

Zum Bild “Zeitlose“ 29.9.04


Ungeduldig zerreisse ich das Papier, lege die Schere weg und gehe zum Fenster hin.
Draussen versperrt der Cotoneaster die weitere Sicht. Durch die undichten Stellen lässt das füllende Grau den Weg erkennen. Immer noch fällt der Regen, nieselnd sanft.

Ich wollte doch nur den Blick leihen zu dir hin,
über die Ebene, wo du stehst, zerbrechlich, elfenbeinzart.
Warum hast du ihn nicht zugelassen, diesen Blick der Frau gegeben
zu dir hin, durch das Geschehene, wo du lebst, königlich, mächtig, bei den Zeitlosen drinn.

An den Beeren des Cotoneasters klammern sich die Tropfen blutig verschwommen, dann, sich langsam lösend, fallen sie kristallen klar.
Ich spüre, wie meine Spannung nachlässt und wie mich das Bild zu beruhigen beginnt.
Morgen, nehme ich ein neues Papier. Ich hoffe, ich weiss jetzt.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Kalter Novembertag.

Vor der Türe klopfe ich den Schnee von den Schuhen. Meine Hände sind zu starr, um etwas zu fühlen. Es gelingt mir, den Schlüssel hervorzuklauben, klemme das glatte Metall zwischen die Finger und mache auf.
Jetzt aber schnell an die Wärme. Ein Tee oder ein Stück des frisch gebackenen Kuchens wäre wunderbar! Ein Blick auf’s Thermometer vor dem Fenster und dann den Teekocher auf den Herd.

Der Dampf aus dem Krug wärmt mir schön langsam die rote Nase und der Duft von Vanille und chinesischem Rhabarber kitzelt sanft. Aber in mir drinnen ist immer noch Zerrissenheit; Zustände aufbrechender Tänze und ergebenen Dahinsinkens in hundertjährigen Dornröschenschlaf.
Und das Wissen der Marionette an den Fäden der allmächtigen Puppenspielerin!

„Weisst Du schon?“ schreibt Sándor Márai in “die Glut“. „Das grösste Geheimnis und das grösste Geschenk des Lebens besteht darin, dass sich zwei „gleichartige“ Menschen begegnen. Das kommt so selten vor - es muss daran liegen, dass die Natur mit List und Gewalt einen solchen Zusammenklang verhindert -, vielleicht weil für die Schöpfung der Welt, die Erneuerung des Lebens die Spannung nötig ist, wie sie zwischen einander ewig suchenden, gegensätzlich gestimmten Menschen entsteht.
Wechselstrom, weißt Du… Energieaustausch zwischen positiver und negativer Ladung, wohin man blickt.“

Natur! Ich will dich überlisten.
Denn im Tanz kann ich hoffen, im Schlaf kann ich warten, in den Träumen sperrige Dornenranken mit einem Atemhauch wegfegen und dann wird er vor mir stehen.





   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Ein Gedicht 20.04.07

Die offene Tulpe, das flatternde Frauenherz erinnert an den Frühling.
Tropfsteinhöhlen in mir an eine Quelle.

Der Rhythmus dieses Liedes reibt an meinem. Stille würde mehr.
Ein Lied suchen, ohne es zu kennen, ist wie im Stecknadelhaufen….

Warum will ich gerade heute ein Gedicht schreiben?
Wo doch Worte in Baumschatten ruhen und bis ich dort bin, Nacht ist.
Wo doch nichts, absolut nichts, sie beschriebe.

Kind, es ist Zeit! hast du gerufen.

Sing mir noch ein Lied, habe ich gebettelt, wieg mich ein bisschen, damit ich schlafen kann.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text:

Der Ausbruch 8.2.06


In einer Nacht, in der ich wach liege und aus Übermüdung den Schlaf nicht finden kann, Empfindungen und Wahrnehmungen heftig zu kreisen beginnen, eine vermeintliche Stille Geräusche herzugeben vermag, von denen man nicht genau weiss, woher sie kommen, in der die Gedanken mal da und mal dort hängen bleiben und ich immer wieder unentschlossen an Weggabelungen stehe, verspüre ich plötzlich ein unbekanntes Drängen. In mir drinnen erwachen Bilder und wachsen vor meinen Augen allmählich zu riesengrossen explodierenden Malereien
In diesem sich ständig verändernden Zustand, brechen immer mehr Ideen wie Eruptionen hervor. Auf Leinwände stürzen Farben wie glühende Himmelskörper und von tiefen Erschütterungen begleitet, entfachen sich die Arbeiten zum Feuerwerk.
Rauschartiges Geschehen hinterlässt auf azurblauen Mäandern giftgrüne Kleckse.
Über die Bildflächen hüpfen in fremden Rhythmen helle Gestalten, Hügel legen sich blutrot über schwarze Erde, aus Höhlen zischen Insektenschwärme wie Funkensprühen und zitronengelb getupfte Lichtspiele locken Scharen von paradiesisch anmutenden Vogelwesen an.


Wie ich mich am nächsten Tag hinsetze und in einer eigentümlichen Katerstimmung etwas unlustig aber diszipliniert die Scherenschnittarbeit aufnehme, mit feinsten Bewegungen das Papier um die Schere drehe, die Spitze sich in hauchdünnen Schnitten behutsam vorwärts bewegt und die heraus fallenden Schnipsel lautlos zu Boden schweben, glaube ich für einen Augenblick, dass das Brodeln, das fiebrige Feuer der Nacht, ein armseliges Ende genommen hat und aus der Tiefe, durch sanfte Nachbeben aufgeschreckt, nur noch ein paar blubbernde Blasen den Aufstieg suchen.

Doch später, als ich nach Stunden die filigrane Arbeit sorgfältig beiseite lege, mit dem Saugrohr, so wie es sich gehört, die unzähligen Schnipsel entferne, nochmals einen letzten liebevollen Blick auf das entstehende Bild werfe, in dem die Silhouetten erst erahnen lassen, was es hergeben will, verspüre ich wieder das vertraute ungeduldige Kribbeln, das kindliche Gespanntsein, welches mich den morgigen Tag kaum erwarten lässt.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text 2005
Text: Reise in den Süden 23.3.05

„Bleiben wir oder fahren wir Überland? Da können wir ja dann noch...“
Er stockte und sein prüfender Blick auf die Benzinuhr zeigte mir an, dass wir in nächster Zeit noch tanken müssen.
Ich nahm die nächste Autobahnausfahrt und wir gelangten auf die Hauptstrasse, die uns durch viele kleine verträumte Dörfer weiter führte.
Fast wäre ich an der Tankstelle vorbeigefahren, doch mit einem etwas gewagten Manöver kam der Wagen dann dennoch vor den Zapfsäulen brüsk zum Stehen.
„Gehst du - oder soll ich?“
Er ging und ich hörte ihn draussen hantieren, während ich das Haus an der Strasse beobachtete, dessen Fassade dunkelgrau von altem Schmutz zerfressen war, die Inschrift „Osteria“ nur noch erahnen liess. Sie erinnerte an vergangene Zeiten, als die Autostrada noch nicht gebaut war und es wahrscheinlich noch viel mehr Durchgangsverkehr gab und so auch einige Gäste, die in dieses Lokal einkehrten.
Rundum erschien mir alles verkümmert, so, als wenn sich Menschen in ihre Häuser zurückgezogen hätten und schon lange nicht mehr an die Welt da draussen dachten, weil diese sie einst vergessen hatte.
Auch die Front vor mir wirkte trostlos, die geschlossenen Läden abweisend. Ob wohl Menschen da leben und uns vielleicht heimlich ein Augenpaar durch einen Spalt beobachtet?
Ich glitt in meiner Fantasie und in meinen Gedanken so dahin, bis ich im obersten Stockwerk am offenen Fenster den Mann gewahrte, dessen Anblick mich sofort in den Bann zog.
Seine auffällig buschigen schwarzen Augenbrauen und sein dunkler Schnauzbart gaben dem Gesicht etwas Entschiedenes und Kraftvolles und der Blick, der sich dazwischen zu behaupten wusste, verstärkte diesen Eindruck.
Der Mann war älter. Seine Haltung schien aufrichtig und gleichzeitig stattlich. Doch etwas kontrastierte meine Empfindung.
Er blickte über die Dächer in den Himmel, der grau verhangen war und - zumindest mir - keinen Aufschluss über irgendwelche meteorologischen Tendenzen gab und ich fragte mich, was er wohl so konzentriert beobachtete.
Er wirkte unschlüssig. Unschlüssig auszugehen oder zu bleiben und erst jetzt bemerkte ich den Hut auf seinem Kopf, der ihm etwas mir Vertrautes verlieh und Bilder hervorzauberte, die in der Vergangenheit deutlicher waren und allmählich zu verblassen schienen.

Es war der Hut, der mich erinnerte. An meine Wurzeln, an ihn, der ihn aufsetzte, weil er ihm gut stand und ihm Gehör verschaffte unten auf der Piazza im politischen Disput, weil er ihn respektvoll antippen konnte vor einer Signora und ihn herausputzte bei den täglichen Gängen als Padrone eines Negozios. Er erinnerte mich an seine letzten Jahre, in denen er drinnen und draussen gefangen war, den Hut nicht mehr aufsetzte, weil alles seine Bedeutung verloren hatte, ihn auf einen Haken verbannte, wo er noch lange baumelnd den weissen Putz verzierte.

Warum habe ich nicht kurz auf die Hupe gedrückt als wir losfuhren, um einen Gruss zu schicken, nach oben, wo der Fremde immer noch stand? So blieb es offen, ob er ihn erwidert hätte, ob er uns ein lebendiges Zeichen mitgegeben hätte auf unsere Reise in den Süden.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text 2005
Text: Ein Traum 29.12.05


Mein Kind liegt in meinen Armen, wie ein richtiger Wonneproppen.
Ich fühle seine dicken Ärmchen in meinem Fleisch gebettet und seine Füsschen neugierig von mir wegstreben. Sein Lachen und Quietschen erfüllt mich mit Wärme.

Wie ich im Traum so mein Kind betrachte, frage ich mich, wann wohl die Zeit kommt, um ihm die Namen zu nennen und ob es mir dann auch ein Zeichen gibt.

Als es über den Sand kriecht, sich hinsetzt, wo Burgen hoch aufragen und in den Gräben die Schaufelchen wie bunte Blumen stecken und es die labyrinthartigen Gänge im Innern der Burg mit seiner Patschhand zum Einstürzen bringt, finde ich, es ist soweit.
Jetzt kann ich ihm die Namen lehren. Ich gehe hin und lege mich neben mein Kind in den weichen Sand.
Ganz deutlich und langsam, so dass es mich auch zu verstehen vermag, benenne ich die Dinge. Erst die vor uns, dann die um uns und mit Gesten die weiter entfernten. Da beginnt sich mein Kind zu verwandeln und mit jedem Wort, das mein Mund formt, schwindet seine Grösse. Aus der Haut brechen zwei zierliche diaphane Flügel, die schnell wachsen und den winzig verbliebenen Leib zu heben vermögen und ihn weit davon tragen.

„Bleib da!“, schreie ich ihm nach. Ich will es rufen, doch ich finde und finde keinen Namen für dieses Wesen, damit es zurückkehre.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text 2004
Text:
Des Rätsels Lösung 30.8.04

„Un cappuccino e un tè nero.“ wiederholt der Kellner unsere Bestellung. Während wir warten, fällt uns wieder der hochgewachsene Mann auf, der durch seine elegante Erscheinung eher an die junge Bänklergeneration erinnert, die über Mittag in der City von Lugano häufig anzutreffen ist.
„Der hat eine besondere Stellung hier“, flüstere ich meinem Begleiter zu „aber der Padrone ist er nicht, dafür ist er zu jung.“
Der Mann erweckt unsere Neugierde und wir beobachten ihn; Er steht da, mal hier mal dort, wichtig, korrekt, während die Kellner fleissig von Tischchen zu Tischchen eilen. Manchmal spricht er kurz mit ihnen, verschwindet in den hinteren Räumen, um dann plötzlich wieder neben der Patisserieauslage zu erscheinen. Bis dahin hatte er nie etwas weggetragen oder gebracht. Er scheint von den Gästen an den Tischen kaum Notiz zu nehmen und doch habe ich das Gefühl, dass er bei der kleinsten Unstimmigkeit oder Unzufriedenheit eines Signore oder einer Signora schnell zur Stelle wäre und mit ernster Miene die Situation klären würde.

Eine Zeit lang schenken wir ihm unsere volle Aufmerksamkeit, bis wir von der Aufbruchstimmung der Leute am Nebentisch abgelenkt werden.
Die französisch sprechende Runde zahlt und verlässt das Lokal.
Kurz darauf räumt der Kellner das Porzellan weg und ordnet routiniert die Menuekarten. Dann aufs Mal scheint der “Elegante“ lebendig zu werden. Zielstrebig steuert er auf den Tisch zu und bürstet mit einer straffen Bewegung ein paar Krümel von der Sitzbank.
Aha, jetzt haben wir des Rätsels Lösung! Mit Argusaugen auf Krümelsuche. Das ist also seine Aufgabe. Spuren von Menschen wegwischen, die sich in diesem zweihundertjährigen Ambiente von frischem Gebäck oder vielleicht von einer vorzüglich duftenden Cioccolata verwöhnen lassen.
Nein, im Ernst, das kann ja wohl nicht sein. Viel eher ist er einfach einem inneren Impuls gefolgt und hat für einen kurzen Moment seine Stellung hier im Hause vergessen.
Wie es auch sei, irritiert aber diskret prüfe ich das Polster um mich herum und spicke ein kleines Etwas zu Boden. Schliesslich will ich ja nicht riskieren, dass der attraktive Tischnachbar zu meiner Linken zusehen kann, wie man einer “Dame“ hinterher säubern muss.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zwiegespräch 30.4.06


-Der Beitrag im April wäre fällig! Beeil dich!-

Halt halt! Im Januar habe ich auch keinen Text geschrieben.
-Aber du wolltest doch jeden Monat mindestens einen schreiben!-
Bitte, dann sag mir was! Ich bin ein bisschen leer.
-Schreib doch von deiner Wiederentdeckung im Büchergestell.-
Von F. N.! Du bist wohl nicht ganz bei Trost! Willst du mich in eine Falle locken?
-Schreib frisch von der Leber weg, irgendein gescheiter Satz wird dir wohl einfallen.-
Wohl eher von den Nieren, denn an die ist mir der Beitrag „zur Genealogie der Moral“ wieder gegangen;

Umkehr meiner Werte!
Nihilismus im Christentum?!

-Was kümmert es dich, du bist dir doch sicher.-
So? meinst Du?
Jetzt will ich dir mal was sagen. Gestern stand ich vor dem Fenster. Tausendmal habe ich schon hinausgeschaut. Die Landschaft war mir vertraut und ich fühlte mich heimisch.
-Ja und?-
Heute stehe ich davor und der Mohn auf dem Feld erscheint mir mit schimmelgrünem Schleier, den Himmel durchschleichen orangene Cirren und auf dem reifen Getreide sitzt violetter Trauerglanz.
-Jetzt übertreibst du aber masslos! Denke daran! Er hat ja geschrieben:
„Mir besteht mein Leben jetzt in dem Wunsche, dass es mit allen Dingen anders stehn möge, als ich sie begreife; und dass mir Jemand meine Wahrheiten unglaubwürdig mache.“-

Weiss ich doch! Aber ich muss eben trotzdem wieder etwas darüber nachdenken.


   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text 2004
Text:

Jetzt war es Zeit und…..6.9.04

An manchen Tagen entfaltete sich der Duft Deiner Wicken bis auf die Strasse hinunter. Mit ein paar Sprüngen war ich am Bord oben und steckte die Nase tief in das Blütenmeer.

Sorgfältig und geheimnisvoll hast Du Jahr für Jahr die Saat in Töpfchen gelegt und nach der Keimzeit die stärksten Pflänzchen in den Garten versetzt.
Du warst stolz auf diese werdende Pracht und freutest Dich, wenn vorbei spazierende Leute stehen blieben und ein paar lobende Worte fanden. Nicht selten entwickelte sich daraus ein schönes Gespräch.

In den letzten Jahren Deines langen Lebens hast Du Kräfte verloren. Sie reichten noch für ein kleines Wickenplätzli unten am Zaun, näher der Strasse. Du weißt ja, ganz auf sie verzichten konntest Du nicht.

An einem Vorsommertag entdeckte ich ein dürres Tännchengerippe mitten in diese Erde gesteckt und ich sah, wie die gestutzten Äste wie Arme die zarten Pflanzen Stufe um Stufe dem Himmel entgegen führten.

…ich begann im nächsten Jahr selbst mit den ersten Versuchen, kaufte eine bunte Mischung und stupfte die Samenkörner in mein Blumenkistchen.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zum Bild “Die Erinnernden“ 25.10.04

Ich habe das Bild vergessen, das bei mir war, bereit zu erzählen und ausgetragen in jenem Moment.

Ich habe den Augenblick nicht festgehalten in dem die Geschichte mich auszufüllen begann, wie sich ausbreitende Ringe um ein geworfenes Stück Holz, das aufs Wasser trifft.

Ich habe jenen Moment versäumt, wo die Hände gewusst hätten, zu welcher Farbe sie greifen, wo sie gewusst hätten den Strichen die Richtung, den Dingen den Ort zu geben, um jenes zu erzählen, so selbstverständlich und sicher, wie nachts die Träume, gründlich und eigen.

Nun sitze ich da, mische Farbe um Farbe, Strich um Strich,
möchte mich erinnern, irrend, verhindernd, krampfhaft und ohne Geduld.
Das sind doch meine Hände, meine Augen, dieselben Stifte und da das Schneidezeug. Alles so wie gestern. Es kann doch nicht sein, dass von gestern auf heute alles anders geworden ist!


Quels che sa regordan

Jau hai emblidà il maletg ch'era tar mai, pront per descriver ed al laschar or en lez mument.

Jau n'hai betg fixà il mument, nua che l'istorgia ha cumenzà a ma fascinar sco rintgs che sa deran enturn in toc lain bittà en l'aua.

Jau hai manchentà lez mument, nua ch'ils mauns avessan savì tge colurs ch'els brancan, nua ch'els avessan pudì dar la direcziun als stritgs, il lieu a las chaussas, per raquintar uschè evident e franc, sco siemis la notg, profund ed agen.

Ussa ses jau qua, maschaid colur per colur, stritg per stritg, vuless ma regurdar, pers, impedì, convulsiv e senza pazienza.
Qua èn bain mes mauns, mes egls, mes medems risplis e qua mes guaffens da tagliar. Tut sco ier. I na po bain betg esser, che dad ier ad oz è tut daventà auter.






   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Zeitreise 2004
Text: Motorenlärm überdröhnte alles und das Holpern auf dem steinigen Bergweg schüttelte uns durch und durch.
Bei besonders abschüssigen Stellen überkam mich etwas Furcht, aber der Ausblick, den der lichte Baumbestand in den Kehren freigab, faszinierte mich. Mit zunehmender Höhe vermochte ich die Gärten und Häuser, bei denen ich ein- und ausgehe, nicht mehr sicher zu orten und mit der Zeit erschien mir mein Dorf dort unten immer fremder.

Die Fahrt war endlos lang. Der Weg war ausgewaschen und der Wagen versuchte sich auf den Unebenheiten zu halten. Ich erhoffte nach jeder Kehre die Wiesen, die die Alp manchmal schon frühzeitig ankündigen. Wir mussten noch eine Geländestufe überwinden, bis sich dann der Wald auftat und die ersten Häuser zu sehen waren.

Die Sonne brannte heiss auf die Hütte und der Holztisch davor hatte den ganzen Morgen Zeit, die Wärme aufzunehmen und sie an unsere Hände weiterzuleiten, die bereit neben den Tellern lagen.
Es war einer der letzten Sommertage hier oben; das ahnten wir alle. Und vielleicht versuchte jeder noch so viele Eindrücke mitzunehmen, wie die Gebirgsketten gegenüber, die wilden Landschaften, die Alpwiesen und der blaue Himmel bereit waren, uns herzugeben.
Auch mein Blick stieg hinauf zu den Gipfeln fiel hinab in die Talschaften und glitt hinüber zu den grünen Alpen, von wo ich ein Lüftchen spürte, das frisch zu uns herüber wehte und das meine Gedanken lenkte und zu den letzten Häusern mitnahm, die hinten am Horizont noch zu erahnen waren. Es war ein Lüftchen, das meiner inneren Bereitschaft bedurfte, um es als Vorboten des Wandels zu deuten und so ging ich bereitwillig mit.


Jetzt beginnt es wieder leise zu schneien. Die Flocken tanzen zwischen die Häuser, durch die Eisblumenmuster schimmern milchig die Lichtstrahlen aus den Stuben nach draussen und ich sehe, wie das Fensterkreuz das Bild der Menschen teilt, die sich um ihren Ofen scharen.
Bald fallen die Flocken gedrängter und um die Hausecken beginnt ein Sturm zu pfeifen, der nach einer kleinen Verschnaufpause mit einem Aufheulen seine Schneewehen wuchtig vor die Tore wirft.
Ich sehe Menschen, die noch vor Anbruch der Dunkelheit mit ihren schweren Lasten heimwärts stapfen; ich sehe Menschen mit gebeugten Körpern, sich den Gewalten stellen und ihre eingezogenen Köpfe in ihre Kragen verstecken. Ich sehe schmale bleiche Gesichtlein warten, die Nasen an die Fensterscheiben gedrückt und auf die Heimkehr dieser Gestalten hoffen.
Nach einer Weile legt sich der Sturm, eine Ruhe kehrt ein. Die Landschaft liegt eingebettet da und die klirrende Kälte zerbricht das winterliche Bild.


Ich spürte, wie die Wärme vom Holztisch sich in die Hände ausbreitete, ich spürte sie wohlig in den Armen und weiterströmen bis mein ganzer Körper erfüllt war und zu vibrieren begann, wie die Luft über den Wiesen in der Mittagshitze. Vom Herd her drang ein Duft nach draussen, der mir das Wasser im Mund zusammen trieb. Ich hatte Heisshunger.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Zinnien 2004
Text: Ich betrachte die Zinnien im Blumenbeet unter dem Erker.
Ich kann sie nicht sehen, jetzt wo die Sonne ihr Licht vom Westen her wirft.
Er hat mir die Freiheit genommen, der Nolde, als er die Zinnien mit Lilien malte.
Bunte Klänge, pures Licht, brechend aus dem Dunkel, brechend aus dem Grün.
Zeitlos – ewig.

Später gehe ich mit Vater nochmals hin, und sage ihm, wie schön ich seine Zinnien finde.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text zum Buch
Text: James Joyce, „Ulysses“, Schluss 7.11.04

Vor ein paar Tagen habe ich den „Ulysses“ beendet und eigentlich insgesamt viel Zeit für ihn verwendet.

Zum Abschluss lese ich in Umberto Eco’s “das offene Kunstwerk“ über den Roman:

„…ohne dass wir es gewahr werden, gibt Joyce uns ein völlig neues Bild vom Menschen und der Welt oder, besser, von jener Einheit, die die Beziehung Mensch-Welt ist“

…Hier im Ulysses verschwindet die abstrakte Unterscheidung von Innerlichkeit und Äusserlichkeit, Geist und Materie, Gut und Böse, Idee und Natur.“

…was real ist, wird in dieser Welt, in der jede Möglichkeit für eine notwendige und ein für allemal festgelegte Wertordnung verloren ging nie mehr schmutzig sein.“ (Unter diesem Aspekt verstehe ich manche Episoden besser.)

„…Gut oder Böse, dies ist die Welt von der der moderne Mensch Bilanz zieht, in der abstrakten Wissenschaft und in der lebendigen und konkreten Erfahrung, die Welt an die sich zu gewöhnen er lernt und die er als seine ursprüngliche Heimat erkennt.“


Es könnte sein, dass sich Joyce seiner alten klassischen Weltordnung entledigen wollte und eine neue Welt beschrieb in der sich Objektives und Subjektives zu durchdringen scheinen. .
Sind seine 3 Figuren Bestandteil dieser neuen Welt?
Leben ihre „Seelen“ nicht hin und her gerissen eher in einer Welt dazwischen? In einer Welt, die „etwas nicht mehr ist, aber auch nicht etwas anderes“. Eine, in der Joyce seine Hauptfigur Bloom einsam, beziehungsarm, handlungsunfähig und entwurzelt umherirren lässt?
Eine, der es zur Erreichung des beschriebenen Zustandes noch eines Quantensprungs in der Menschheit bedürfte, um nicht im Kreis zu drehen, um nicht immer mehr Nährboden zu werden für diejenigen, die dieses Vakuum nicht aushalten können und wieder nach gemeisselten Definitionen suchen, was gut und was böse ist, wer gut und böse ist???

Ich weiss nicht, was Joyce schlussendlich wollte; eine Interpretation ohne Widersprüchlichkeiten wäre wahrscheinlich fast das Universum erklärt.
Der Roman hat bei mir jedenfalls diese Gedanken und Gefühle ausgelöst.
Ich sehe diesen Bloom.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text zum Buch
Text: James Joyce “Ulysses“ III 9.9.04

Das Circekapitel ist mir mit seiner unappetitlichen Sprache, seiner Hypersichtbarkeit menschlicher Abgründe und ihren Möglichkeiten absolut an die Schmerzgrenze gegangen. Das Lesen forderte ständige Überwindung und woher der Durchhaltewillen kam, weiss ich nicht. Es scheint mir, dass ich diesen Ulysses einfach lesen muss, so wie ich mich schon oft zielstrebig in einen Buchladen führte um mit sicherem Griff “das“ Buch aus dem Angebot zu picken. Vielleicht habe ich es diesem “muss“ zu verdanken, dass ich bis ans Ende des Kapitels durchhielt und von der letzten Seite völlig überrascht wurde. Die paar Zeilen erschienen in einer solchen Symbolkraft und übersinnlicher Schönheit, dass es mir fast den Atem verschlug und mich wieder versöhnlich stimmte.

Ich dachte für mich, vielleicht konnte Joyce das Hässliche nur so provokativ, ungeschminkt und in solchem Mass aussprechen, weil er im gleichen Mass auch das Schöne kannte?
Und innerhalb dieses Schönen mit seinen Möglichkeiten wieder alles offen und hoffnungsvoll wird? Und innerhalb dieses Schönen die Sehnsucht nach einer besseren Welt liegt, die in diesem Circekapitel in den Phantasierollen Bloom’s immer wieder zum Ausdruck kommt?
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text zum Buch
Text:
James Joyce “Ulysses“ II 6.8.04

Heute bin ich mit der Lektüre ein ganzes Stück weiter gekommen. Das Circekapitel ist insofern erfreulich, dass ich die Handlung und den Ort deutlich erkenne, aber sonst schwere Kost.

Ich spaziere den Berg hinauf, es ist schwül, im Norden blitzt und donnert es bereits. Mein Kopf muss etwas auslüften, vor allem möchte ich auf andere Gedanken kommen. Aber immer wieder setzen sie sich dort fest, von wo ich sie eigentlich losreissen wollte.

Dieser James Joyce, unglaublich…..Aber bis jetzt hat er in Ulysses nur einmal mein Herz tief berührt:
Stephen Dedalus beschreibt den Schüler Cyril Sargent, der alleine im Klassenzimmer zurückblieb und die Rechenaufgaben nochmals abschreiben muss:
“Hässlich und aussichtslos: magerer Hals und wirres Haar, und ein Tintenfleck, ein Schneckenbett.
Und doch hatte ihn eine geliebt, hatte ihn auf den Armen getragen und in ihrem Herzen. Wäre sie nicht gewesen, die rasende Welt hätte ihn längst zertrampelt unter ihren Füssen, ein zerquetschtes, knochenloses Schnecklein. Sie aber hatte sein schwaches wässriges Blut geliebt, das ihrem eigenen entzogen. War das nun das Wirkliche? Das einzig Wahre im Leben?“

Etwas vom Einzigen, denke ich, die Mutterliebe….

Langsam und noch sachte fallen die ersten Tropfen. Ich kehre der dunklen Front den Rücken zu und mache mich auf den Heimweg.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text zum Buch
Text:

James Joyce “Ulysses“ 4.8.04

Seit gut dreiviertel Jahren kämpfe ich mich durch dieses Buch. Diese Zeilen schreibe ich für Mr. Bloom.

Armer Leopold Bloom! Jetzt irrst Du schon bis Seite 500 in der Stadt umher. Fremd, ziellos, sinnlos, entwurzelt? Ich irre mit Dir und glaube zu zerplatzen an dieser Wörterflut. Odysseus von Ithaka war im Epos der Held. Du bist auch einer – von anderer Art – ich aber auch, als Leserin.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text 2005
Text: Die Nacht des Blues, oder die blue note


Seine Rastalocken fliegen wild und sein Körper zuckt im Rhythmus auf das Mikrophon zu, das die raue, fordernde Stimme gewaltig weit über die Piazza wirft und in die Gassen, von wo immer mehr Leute, angezogen von den Klängen, ins Zentrum strömen.

Eigentlich wollten sie einen Abendspaziergang entlang der Promenade machen, in der Stille ein bisschen die laue Seeluft geniessen. Sie sind dann aber auf der Piazza geblieben und setzten sich in ein Strassencafé unter einen Säulenbogen an ein kleines Zweiertischchen, das geradezu zum Verweilen einlud.

Sie ist froh, aus bewährter Gewohnheit ein Plätzchen ganz im hintersten Teil, in der Nähe des Ausgangs, der direkt in die Gasse führt, ausgewählt zu haben, denn sie mag grosse Menschenansammlungen nicht; in der Vergangenheit fürchtete sie sich sogar davor. Jetzt fühlt sie sich wohl, ist zufrieden, obwohl nur eine kleine Lücke zwischen den Koniferenkisten den Blick auf die Bühne freigibt, wo das leise kontrastierende Einsetzen der Gitarre, gefolgt vom Schlagzeug, die Stimme des Sängers zu halten beginnt und in manchen Passagen seine Melodie sogar zu krönen vermag.
Die Stimmung ist immer ausgelassener, vielleicht ein bisschen übermütig und nur ein flüchtig streifender Gedanke, dessen Schlagzeile sie überfallsartig in ein Geschehen katapultiert, macht sie für einen Augenblick nachdenklich; sie pickt seine grüne Olive vom Tellerrand auf und ein paar Frauen, die nach einem Sitzplatz unter Dach Ausschau halten, lenken ab. Belustigt über ihre Zielstrebigkeit, beobachtet sie allerlei Banales und Unbedeutendes, eben dies und jenes, das an einem solchen Ort, in einer solchen Nacht, vorkommen kann. Immer mehr Leute suchen freie Tischchen, dicht gedrängt stehen die Besucher auf der Piazza, bereit, die Nacht des Blues in ihre Bewegungen, in ihre Seelen, aufzunehmen.

„Prosit!“ Das Klingen der Gläser ist im Stimmengewirr und im Konzert von drüben kaum zu hören. Sie nimmt einen Schluck des Früchtecocktails und lässt den erfrischenden Saft noch etwas genüsslich im Mund liegen.

Plötzlich herrscht bei den Abschrankungen eine nicht zu deutende Hektik.

„Was ist los?“ fragt sie ihn durch den Lärm aufgeschreckt. „Warum laufen die alle?“
Auch die Leute ein paar Meter vor ihnen schnellen von ihren Stühlen auf, rennen auf sie zu und flüchten in den Durchgang. Gläser fallen zu Boden.
Einen Moment lang ist sie erstarrt, kann sich nur schwer orientieren. Da erhellt ein Blitz das Durcheinander, gefolgt vom Krachen des Donners und erst jetzt hört sie die Tropfen auf die Tischchen fallen, das blinde Rauschen des Regens, der vom schwarzen Nachthimmel auf das Pflaster platzt. Bei der Bühne vorne durchbrechen herabstürzende Wasserschauer die rotierenden Scheinwerferlichter, verwandeln das Rot, verfolgen die Flüchtenden, die vor Vergnügen und Übermut schreiend, nun wie silbriggraue Narrengestalten in den Gassen verschwinden.

„Bin ich jetzt erschrocken“, sie dreht sich zu ihm um. „Ich habe für einen Moment gedacht…“
Wie er ihre Hand sucht, bleibt sein Blick auf der Piazza, wo nur noch wenige Ausharrende sind, darunter eine leicht bekleidete junge Frau, die unbeschwert, anmutig, in den farbigen Klängen des Blues die Welt vergessen hat.
Bis die ersten Zurückkehrenden mit ihren Regenschirmen die Sicht auf die Tanzende zu verhüllen beginnen, bleibt er dort; erst dann wendet er sich ihr zu.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Der Kuchen 21. 1.07

Muss das sein! Jetzt fällt er aus. Der Grand Marnier ist wohl zu früh drin. Vielleicht kann ich den Teig mit dem Schwingbesen wieder etwas geschmeidig rühren. Na ja - schon besser!

Menschen müssen viel erdulden. Ob sie, ob er es auch kann? Und ich? Wenn ich betroffen wäre?

Da steht: Saft einer Orange oder das Abgeriebene einer Schale. Wo ist nur die Zitronenpresse- ist diese Orange weich, überreif weich! Jetzt wird mir gleich das Fruchtfleisch saftig ins Gesicht spritzen. Augen zukneifen, den Kopf besser etwas schräg halten - und dann Schnitt!

Einer ist am Kehlkopf erkrankt, noch relativ jung, der nächste hat einen im Magendarmtrakt. Dann einer… was sagte der Mann heute im Dorf? Psychosomatische Herzbeschwerden? Nun ein leichtes Ziehen in meiner Brust. Ein daraus flüchtendes Kribbeln ins Wadenbein. Nein, weiter nicht, die Füsse fühlen sich eigentlich ständig gut an.

Warum habe ich diesen schwarzen Filzstift genommen, da ich doch weiss, dass die Buchstaben schmieren, wenn ich zu wenig lang warte.

*…In mir ist es sonnig, wenn ich darbe, wenn nur allerlei was gut schmeckt, verboten ist. Wenn ich schmause und guter Dinge bin, kenne ich keine Liebe. Die Genüsse verjagen die Fröhlichkeiten. Die, die immer was bieten, machen mich arm und darum unwirsch,…*

habe ich gestern mit fetter Schrift in mein Notizbuch geschrieben und beim Zuklappen fast Zeile für Zeile fleckige Makel hinterlegt.

(*Auszug aus dem Bleistiftgebiet, Mikrogramme von Robert Walser: „Wie kann man Stimmung machen?“)



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Wie geht es Dir? 02.05.2005
Text:
„Ich hörte, dass du Husten hast, Halsweh und sogar hohes Fieber. Du warst mit M. beim Arzt anfangs Woche. Aber wenigstens kannst du in der Nacht einigermassen schlafen und bist nicht stundenlang wach. Appetit hast du auch, sagte mir M.
Ja also, ein gutes Zeichen – es ist alles nicht so schlimm- und die Medizin hilft dir jetzt auch, dass es dir bald besser geht.“

Er war gerade beim Essen, als er ans Telefon gerufen wurde. Er hörte den Worten seiner Mutter zu, die am anderen Ende versuchte, sich ein Bild seines Krankseins zu machen. Lange hörte er hin, wie noch nie, bis sie keine Worte mehr zu finden glaubte, die er verstanden hätte und sie auf sein „Tschüss Telefon“ wartete, mit dem er sonst die Gespräche abrupt zu beenden pflegt.
Eine Weile lauschte sie dem Schweigen und sie nahm ganz nahe sein regelmässiges junges Atmen wahr, das nicht hastig den Moment überspringen wollte, wie sonst in den ruhelosen Tagen. Sie hörte seine weichen Atemzüge, die wortlos bereit waren zu empfangen um wieder still und warm herzugeben.

Als sie später den Hörer auflegte und sich nicht sofort wieder zurechtfinden konnte, war es ihr, als ob sie von einem dieser tiefen Züge mitgenommen wurde an den pulsierenden Ort, von dem sie noch immer nicht ganz zurück war, weil er sie so berührt und beschenkt hatte und sie erinnerte sich wieder an die Wunder, die dort geschehen und sich entfalten, wie die Blütenknospen der Magnolie an einem warmen Frühlingstag.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Der Baum 27.3.07

Leises Klingen
durchbricht
die Stille,
Silberblättchen
fallen
zu Talern.

Durch Rindenfurchen,
mäandern
Mühsale
zum
nahen Fluss.

In der Mündung
liegt Bernstein,
verharzter
Samen
des Glücks.

Wenn sein Schatten
auf jenen Berg
kriecht,
trudeln schon
Blutsperlen
aus seiner Krone.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Auf der Suche nach deinem Namen 8.3.07


Auf der Suche
ein erbärmlich
unersättlicher Wurm

erfolglos

Buch um Buch
schlucken sich
Seiten fetter Jahre

aus mageren
legt sich
die erste Spur.

Würdest du
Sonne
Mond
Wolke
Donner
Gewittersturm
oder
leuchtender Stern
heissen

könnten wohl alle mit dir leben.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Narbe 20.02.07

Dem Kelchboden
schon entwachsen
türm ich mich.

Von
Kronenfunkeln
erste
Himmelsblitze
über mir.

In kalter Nacht
spukt
Nordlicht

vergessen sind die
Blumenzeiten.

Legst
deine müden Blätter
auf ein langes Warten

und als schüttle dich
mein leises Frösteln
fällt jetzt
Blütenstaub
auf mich.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Einmal
23.02.07
Geh
Schritt
um
Schritt

es hat immer

beim
ersten Mal
Spiessrutenraunen

im Lauf

eines nächsten
eines anderen


Schritt
um
Schritt

komm ich dir entgegen

aus der Mitte
brechen wir
kräftig,
mächtig,
vulkanisch,
ins Geschehen.











   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Im März

In den letzten Tagen locken aussergewöhnlich hohe Temperaturen aus den verbliebenen Schneehaufen Rinnsale, die munter aus allen Richtungen zu quirligen Bächlein zusammenfliessen und irgendwo in klaffendem Grund wieder gluckernd verschwinden. Sie legen Frühlingsboten frei, reckende und kraftvolle Stängel, die sich durch modernde Laubresten bohren und neben scheintoten Büscheln und kecken Leberblümchen das warme Plätzchen unter der Birke beleben.

Wie habe ich dieses Erwachen ersehnt, das Kribbeln in meinen verschlafenen Gliedern.
Die ersten bunten Farben zwischen silbriggrau zerdrücktem Gras.
Wie habe ich mir das Strecken und einen tiefen Atemzug gewünscht, frische Winde durch ein Knospenmeer!

Und jetzt
kann ich die Augen öffnen? Sehen, einfach so? Jenes geben, das blind und schlafwandlerisch sicher, in Wintertagen ein treuer Begleiter war.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Quelle 8.1.07

War es die Kraft des Sturmwinds
das Brechen grauen Felsgesteins
Grollen und Zittern
rot gewordner Erde?

War es die Verwünschung einer Zauberin:
Wenn du daraus trinkst!
Dann!

Nur
ein paar
Sonnenstrahlen
und ein wenig
Regen
bogen
meinen Blick

dass ich ihren Boden nicht mehr finde
nicht erkenne
wie tief
geborgen
eine
in ihm liegt.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:
Das Porträt 12.04.07.
.
Auf den Mund
sorglos
ein Lächeln schraffiert,
zaghaft
von Lippe zu Lippe
die schmale Furt.

In Augen
ein Lichtspiel gelegt,
verwischt
Jahrringe
von
Tausendundeiner Nacht.

Da! sagt er, nimm eine!
Danke, ich rauche nicht.
Vielleicht einen Schluck Roten?
Danke, den trink ich nicht.
Vielleicht…

Jetzt
mit kräftigem Strich,
bröckelt
stirnwärts
die Kreide,
herzwärts
bricht sie entzwei.

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Die Anklägerin 6.12.06

Du, deine Worte sind
wie Salvenknattern
alter Sturmgewehre

deine Beine
sehe ich
bereit zum Sprung

deine Augenbögen
spannen Pfeile
voll von Krötengift

während Hände
gleich zum Hammer werden
krallen sich die Finger
eng zum Würgegriff.

Einmal da warst du still.

Mit einem Mund
der aus Hunger
Wörter schluckt
mit Höhlenaugen
die im Dunkeln sehen
mit Händen
zwischen
eigne Rippenknochen
schlagend

um nicht tot zu sein.

Siehst du nicht
dass ich vor Salven flüchte
Schilder nehme
gegen jeden Pfeil.

Halt deinen Mund
mich packt die Angst
schliesse deine Augen
ich erstarre.

Getrau dich zu erinnern!
Dann halt ich mich
ganz nah bei mir.




   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zweier Frauen Träume 24.10.06

Eine der Frauen reicht die Butter rüber und schiebt die Teetasse nach.

Ja, jetzt hör zu, das ist erst der Anfang.
Ich war also krank und Tante M. besuchte mich in einem Spital, an einem mir unbekannten Ort. Als Geschenk brachte sie mir ein Wasserglas mit. Ein hohes, längliches, zart geblasenes Glas, die Form oben ein offener Blütenkelch.
Und ich träumte….
Warte noch einen Augenblick. Stell dir vor - aus dem Glasboden schlängelten moosgrüne Stiele nach oben, die ihre winzigweissen Blüten sachte an die Wasseroberfläche legten. In einem sich wiegenden Rankengewächs schwebten durchschimmernde weisse Seepferdchen. Sie schnappten nach Fischchen, die dann im Innern ihrer Leiber einen bunten Farbtupf…
Und ich,
ich sag dir, ich habe die ganze Nacht geputzt, da war Dreck, überall, unwahrscheinlich viel Dreck, Berge von Geschirr. Ich musste endlos lange Teppiche klopfen, hunderte Besen standen und warteten auf ihren Gebrauch. Und da war ein Kind, vielleicht ein paar Monate alt, das Hunger hatte und schrie. Jedes mal, wenn ich zu ihm hingehen wollte, war wieder ein Besenstiel in meiner Hand.

Beide schweigen eine Weile. Die eine hat zum Besen nichts zu sagen, die andere nichts zum Glas.
Der Frau, die den Traum vom Glas hatte, ist es als höre sie ein leises Klirren und dann ein Wischwisch eines Besens, der ein Häufchen Seescherbenblütenpferdchen in eine Ecke fegt.

Die andere stellt das Körbchen neben den Teller und sagt:
Nimm noch etwas Brot, es ist so fein knusprig.









   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Tränen der Freude? 12.9.06

Deine Tränen fallen,
schmelzen Eiskristall.
Bin daraus geronnen.

Ich, einsamer, erster Winterling.

Dann
Krokus auf dem fernen Hügel,
Winde und Lilie in dem Feld.
Gewachsen aus dir?
Geblüht weil du’s so wolltest?

Aus einer aufgeschreckten Erde
komm ich.
Beb unter einer festen Bauernhand
und die Pferdenüstern lüstern an mir,
an einem Zigeunerhut könnte ich auch

Ich, Herbstzeitlose in jenem Tal.

Von einem Wagenrad
ganz leis gestreift,
such ich deinen Blick.

Sag mir, waren sie aus Glück?

   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Nahost 4.8.06

Ich stütze meinen Kopf mit beiden Händen.
Sonst würde er schaukeln und da oder dort in tiefe Schlünde fallen.

Was weiss ich denn?
Nicht viel, ein paar Zahlen oder gar nur zwei?

Ich halte mein Herz mit beiden Händen.
Sonst würde es zerrinnen.

Was weiss ich denn?
Von der gerechten Träne in einem Ozean?
Von Wüsten und Oasen, wo erste Menschen schöpften?

Ich packe meine Wirbel mit beiden Händen.
Sonst würden sie sich beugen.
Dahin? Oder dorthin?

Was weiss ich von der zornigen Träne in einem Ozean?
Oder von der Richtung, aus der sie geflossen kam?

Finger, Hände, Arme, mal da, mal dort.
Eigentlich weiss und spür ich gar nichts mehr.
Denn kaum waren sie nahe, waren sie auch schon fort.



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Text
Text: Zwischen 2 Zeilen 8.6.06

…n i c h t m e h r

Jetzt ein Punkt oder ein Fragezeichen?
Wäre es eine Frage, würde ich mich besser fühlen.

“La sua voce
Nel vento correva
Sopra la neve
Dove lui combatteva…”

Kocht das Wasser? Ich höre nichts. Aber eigentlich sollte es doch bald.
Wie seine Stimme schleifend durch die Seiten zieht und aus meinen Linien vibrierende, fröstelnde Körper macht. Nun Vorsicht! Nur da nicht zu weit rüber schneiden.

„Tremo e t’amo
Disse e piangeva
Nel buio della sala
Qualcuno rideva...”

„Delle rose, del vino e di cose…”

Am Horizont dort. Vögel im Flug. Zwei? Aufeinander zu?
Nein - so klein schneiden könnte ich sie nicht.
Denn die Weite muss bleiben, hinter den Sträuchern und den Blumen, den Baumwipfeln und dem Gebirge, um alles Gestaltlose aufzunehmen.
So, jetzt muss ich aber gehen. Pfefferminze? Hab ich noch?
Und vor allem eine andere CD rein.

Zuerst aber noch schnell die nächste Zeile beginnen:

V i e l l e i c h t …..



   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text: Zum Bild “der Froschkönig“ 28.O7.05


Du hüpfst an Wassersternen vorbei und an Lilien. Legst mir heimlich die Muschel zu Füssen und Tauperlen der Rosen im Teich.
Nein, du bist keiner, den man an die Wand schmeissen könnte. Du bleibst.
Ich warte und riskiere mein Leben bis du auftauchst von den algengrünen Höhlen und mir die Kugel bringst vom Grund.
Komm, Froschkönig! Bring mir diesen goldnen Zauber, ich halte mein Wort!
Ich werde dir folgen von einem zum anderen Seerosenblatt.



Tar il maletg „retg-rauna“

Ti siglias sperasvi a stailas d’aua ed a gilgias. Posas a mai tut dascus la conchiglia als pes e perlas da rugada da las rosas en il lajet.
Na, ti n'es betg in ch’ins pudess sdarmanar vi da la paraid. Ti stas.

Jau spetg e ristg mia vita fin che ti vegnst a la surfatscha or da las taunas verdas d'algas ed am portas la culla si dal fund.
Ve, retg-rauna, porta’m quest intgant dorà, jau tegn mes pled.
Jau vegn a ta suandar d'in fegl-nimfa a l’auter.
   

 
 
Datum: 22.03.2015
Titel: Gedicht
Text:

Im Wald 15.02.07

Was ich heute sehe
zwischen den Birken
oder ist es
nur Erinnerung

darum das fremde Blau

als wäre es das Ziel eines anderen Weges

noch nie begangen

behangen
mit erstem Morgenlicht
scheuchte uns ein Windstoss
aus den Träumen
und leicht
wie aufgeschrecktes Birkenlaub
bebten wir zwischen den Welten.